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Konvent von behinderten SeelsorgerInnen und BehindertenseelsorgerInnen e.V.


Berufen wie Mose - eine Veröffentlichung des kbs

Das etwas andere Buch zum etwas anderen Konvent
Ein Artikel von Pfarrer Thomas Günzel, Leipzig

Erschienen zum Kirchentag im Mai 2001 im Verlag Ernst Kaufmann und herausgegeben vom Konvent von behinderten Seelsorgerinnen und BehindertenseelsorgerInnen e.V. (kbs) lag das Buch (mit der ISBN 3-7806-2572-5) schon fast ein halbes Jahr griffbereit auf meinem Schreibtisch. Nach dem Konventsbesuch habe ich es an einem Tag ausgelesen. Ich hatte die Menschen erlebt, die an diesem Buch mitgearbeitet haben.

Cover unseres Buches

Als ich am 11.12. auf dem Bahnhof in Bielefeld ankomme, fühle ich mich doch ein wenig ungemütlich. Ich tauche nicht gern in Gruppen ein, die ich nicht kenne. Und dann ein Konvent von behinderten SeelsorgerInnen und BehindertenseelsorgerInnen. Wie wird diese Runde aussehen? Sie sitzen im Kreis, zwei davon im Rollstuhl, alle angeregt im Gespräch. Mann/Frau kennt sich. Menschen, denen man eine sogenannte Behinderung (noch) nicht attestiert hat und Menschen, die mit Sicherheit den entsprechenden Ausweis besitzen. Ich drehe die Runde und schüttele jede Hand, das hilft mir. Als ich 24 Stunden später diese Runde verlassen muß, erscheint sie mir mehr als vertraut und zum Abschied werden liebenswerte Freunde umarmt...

Der Konvent besteht seit 1995. 12 TeilnehmerInnen trafen sich zur ersten Tagung in Bethel, ein Jahr später wurde der Verein gegründet. Wolfgang Döring, Rolli-Fahrer mit einer sogenannten Bewegungsunruhe, schwerhörig, ist erster Vorsitzender des Vereins. Mit Hans-Georg Döring, nichtbehindert, der geschäftsführend tätig ist, ist er nicht verwandt, aber gemeinsam sind sie Initiatoren des Vereins und Motoren bis heute. Zur Jahrestagung 2001 reisten 18 TeilnehmerInnen an, der Verein hat inzwischen 66 Mitglieder. Auch dies ein Zeichen dafür, dass es Bedarf für dessen Arbeit gibt. Leider bin ich (noch?) der einzige Sachse und mit nur zwei ThüringerInnen und drei BerlinerInnen ist der „Osten" noch reichlich unterrepräsentiert. Haben wir keine behinderten SeelsorgerInnen oder sind diese selbstbewusst genug? Pfarrstellen mit besonderer seelsorgerlicher Beauftragung sind im West-Ost-Vergleich sicher seltener.

Aber das Thema muss uns überall bewegen: Können Menschen mit Behinderung als Pfarrer tätig werden bzw. bleiben? Sind Kirchengemeinden bereit, den Dienst von „PfarrerInnen mit Behinderung" anzunehmen und sich den Gemeindedienst und Freud und Leid mit ihnen zu teilen? Und wie soll seelsorgerliches Handeln für Menschen mit Behinderungen in Gemeinden und diakonischen Einrichtungen heute aussehen?

Diese Fragen und biografische, familiäre und dienstliche Betroffenheit bewegten mich dazu, dem Verein beizutreten und nun auch zum Konvent zu fahren. Für mich am bewegendsten waren zunächst die Schilderungen der einzelnen TeilnehmerInnen. Die Gründe, einem Menschen den Weg ins Pfarramt zu verwehren, sind vielfältig: Epileptische Anfälle ebenso, wie das „Frau sein" an sich; psychisch bedingte Behinderungen nicht weniger, als Körper- und Sinnesbehinderungen. Berichte, die mich zum Teil mit Scham oder Zorn über diese meine evangelische Kirche erfüllen. Die Abschnitte „Erfahrungen" und „Praxis" in „Berufen wie Mose" bringen einige Beispiele.

Aber ob im Buch oder live: es sind Berichte, die auf „Rührendes" verzichten und die voll ehrlicher Realität, aber fast nie ohne Hoffnung sind. Da wird neben dem Schmerz über zugefügte Behinderungen und Beleidigungen sichtbar, was Leben aus der Kraft der Auferstehung bedeutet. Es gibt Bitterkeit, aber die Liebe ist stärker, auch die Liebe zu den Menschen, die dazu beitragen, dass Kirche heute nicht zu den behindertenfreundlichen Arbeitgebern gezählt werden kann. Deshalb zeigte sich der Konvent als eine ernsthafte, aber fröhliche Runde voller tiefsinnigem Humor. Auch diese lebensbejahende Grundeinstellung spiegelt sich im Buch wider.

Der Konvents-Arbeitstag zum Thema „Mobbing" ließ beides noch einmal deutlich werden: Die Fähigkeit zum Lachen, auch über wiederholte bittere Erfahrungen. Und die vielen Momente, in denen gerade Menschen mit sogenannten Behinderungen unter Druck geraten durch die Reaktionen ihrer KollegInnen und/oder Vorgesetzten. Nicht immer ist dies Mobbing und oft geschieht es unbewusst, aber immer kostet es psychische und gerade behinderten Menschen auch physische Kraft, um lockere Sprüche, fromme Floskeln oder „unabdingbare Verwaltungsentscheidungen“ zu verarbeiten.

Der Konvent hat es sich zur Aufgabe gemacht, seine Mitglieder und alle Betroffenen bei Bedarf in solchen Situationen zu beraten und zu unterstützen. Die rechtlichen und theologischen Ausführungen im Buch zeigen, dass dies aus Betroffenheit heraus professionell und auf einer fundierten theoretischen Basis geschieht. Wer als Mensch mit einer sogenannten Behinderungen bei kbs anfragt, wird engagierte und kompetente Hilfe erhalten. Zu wünschen wäre, dass immer mehr Kirchenleitungen und Kirchengemeinden, kirchliche Gremien oder Arbeitgeber auf die theologische und fachliche Kompetenz des Vereins zurückgreifen würden, damit in unseren Kirchen und Gemeinden die Behinderung behinderter Menschen ein Ende findet. Wer dazu zu den klaren Aussagen Jesu und den behinderten Bibel-Promis, wie Mose oder Paulus, noch weitere theologische Argumente braucht, dem sei das genannte Buch empfohlen und wer noch zögerlich ist, der sei auf die Abschnitte „Verkündigung" und „Geschichten" hingewiesen, die mehr als nur Predigtbeispiele liefern.

Das Engagement des Vereins erstreckt sich in viele Richtungen. Im Internetauftritt (www.behinderte-pfarrer.de) findet sich zum Beispiel ein Aufruf an christliche Dichter und Liedermacher, bei ihren Formulierungen Problembewusstsein zu zeigen und natürlich haben sich Vertreter des Vereins in den Prozess um die Entwicklung eines neuen Pfarrerleitbildes eingeschaltet. Neugierig geworden?

Thomas Günzel
th.guenzel@t-online.de

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