Konvent von behinderten SeelsorgerInnen und BehindertenseelsorgerInnen e.V.
Offener
Brief des kbs an die Liedermacher und Dichter, an die Verfasser von Gebeten und
Predigten
Als Menschen mit Behinderungen
hören wir manche metaphorischen Wendungen etwas kritischer als Menschen ohne
erkennbare Behinderung.
Zum Beispiel heißt es im Lied:
Kommt
herbei, singt dem Herrn, ruft ihm zu, der uns befreit.
Singend
lasst uns vor ihn treten, mehr als Worte sagt ein Lied.
in der vierten Strophe:
Wir sind
taub, wir sind stumm, wollen eigne Wege gehen.
Wir
erfinden neue Götter und vertrauen ihnen blind.
Taub und stumm wird mit dem
vermutlich negativ bewerteten Gehen eigener Wege, also mit eigensinnig
gleichgesetzt. Natürlich nur symbolisch, bzw. metaphorisch, aber doch recht
wirksam. Warum sonst genieren sich so viele Hörbehinderte und sind immer in
Hab-Acht-Stellung, dass man sie ja nicht für misstrauisch und eigenartig,
dumm und doof hält, was Synonyme für taub sind? Das ist natürlich nicht
die Schuld dieses Liedes; aber es verstärkt dieses Vorurteil. Die Verwendung
von Metaphern ist eben keine Einbahnstrasse. In der Bibel ist die Rede von denen die Ohren haben und hören doch
nicht(Psalm 38,14): ein Musterbeispiel von differenzierender und nicht
diskriminierender Metaphorik.
Wir wollen Sie bitten, sich diese
differenzierende Sprache der Bibel als Beispiel zu nehmen und auf den Gebrauch
von Metaphern zu verzichten, der uns als Menschen mit Behinderungen
diskriminiert. Aus eigener Erfahrung beim Schreiben von Predigten und Gebeten
wissen wir, welches Opfer es ist, eine gelungene, treffende Formulierung oder
Metapher zu streichen, weil sie missverständlich sein könnten, (es wäre
treffend zu sagen, wir wollen nicht die Neger des Gesangbuchs sein) und von
neuem nach Worten zu suchen. Genau darum wollen wir Sie bitten.
Eine zweite Bitte: Es gibt den
negativen Gebrauch des Bildes vom Menschen, der Augen hat, aber nicht sehen,
oder der Ohren hat, aber nicht hören will, der lahm oder unfruchtbar ist usw.
Es gibt aber auch die Erfahrung, dass Menschen, die schlecht oder gar nicht
sehen oder hören können, trotzdem die Welt sensibel und wach wahrnehmen und
nicht weniger glauben, lieben und hoffen als sogenannte Normale. Das Lied So
nimm denn meine Hände... der Dichterin Julie Hausmann ist Ausdruck
dieser Haltung.
In der Bibel werden im
Zusammenhang mit Behinderung oft Befreiungserfahrungen (z.B. Ps 124,7 oder in
den Heilungsgeschichten) berichtet und besungen. Wir wünschen uns Lieder und
Gebete, die auf diesen Ton gestimmt sind - aber bitte ohne falsches Pathos und
nur solche, die von Erfahrungen gedeckt sind.
Wir danken Ihnen für die
Bereitschaft, Ihre Texte einmal mit den Augen eines Hörbehinderten zu lesen,
mit den Ohren eines Sehbehinderten zu hören und Ihre Erfahrungen aus der
Perspektive des Rollstuhlfahrers zu überprüfen.
Bad Bevensen, den 15. Oktober 2000
Wolfgang Döring, Vorsitzender