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Konvent von behinderten SeelsorgerInnen und BehindertenseelsorgerInnen e.V.


Pastorin Dr. Esther Bollag

Identitätstheorien und ldentitätsfindung behinderter Menschen

Exzerpt aus einem unveröffentlichten Manuskript von Pastorin Dr. Esther Bollag, Mitglied des Konventes, gehalten auf dem Seminar: "Unheile Heilsbringer - Seminar zur Identität von Menschen mit Behinderung im pastoralen Dienst", Hamburg Rissen, Mai 1998

 

1.1. Stand der Forschung

Leider gibt es noch kaum wissenschaftliche Befunde zum Thema "Identitätsentwicklung behinderter Menschen" (im deutschsprachigen Raum).

Vielleicht ist ja die Frage nach der Identitätsentwicklung behinderter Menschen eine zutiefst emanzipatorische und kann und muß in erster Linie von den Betroffenen selbst gestellt werden?!

 

1.2. Darstellung der Identitätstheorien

1.2.1. ldentitätstheorie nach Erikson (psychologisch)

Eriksons Definition von Ich-Identität lautet folgendermaßen: Ich-Identität ist der "Zuwachs an Persönlichkeitsreife den das Individuum am Ende der Adoleszenz der Fülle seiner Kindheitserfahrungen entnommen haben muss, um für die Aufgaben des Erwachsenenlebens gerüstet zu sein."

Sie ist "eine soziale Funktion des lchs" die darin besteht, "die psychosexuellen und psychosozialen Aspekte einer bestimmten Entwicklungsstufe zu integrieren und zu gleicher Zeit die Verbindung der neu erworbenen Identitätselemente mit den schon bestehenden herzustellen". Obiges Zitat zeigt deutlich Eriksons genetischen Ansatz. Ich-Identität entwickelt sich in Stufen mit je normativen Entwicklungskrisen. Eine solche Entwicklungskrise ist beispielsweise das sogenannte Trotzalter, die Phase, in der das Kind seinen eigenen Willen entdeckt.

Allgemein ausgedrückt: Die Entwicklung des Kindes ist ein Wechselspiel von biologischem Wachstum, zunehmenden motorischen Fähigkeiten und der Reaktion der Umwelt auf das kleine Wesen in gegenseitiger Dynamik. Wie normativ Eriksons Schemata zu nehmen sind, ist nicht ein für allemal und für alle Kulturen festzulegen. Dies räumt der Autor selber ein. Seine Beobachtungen sind gemacht an Mittelschichtsangehörigen der nordamerikanischen Gesellschaft der fünfziger Jahre.

 

1.2.2. ldentitätstheorie nach Goffman (soziologisch)

Goffman vertritt als Soziologe (wie Krappmann) den Interaktionismus. In seinem Buch "Stigma über Techniken der Bewältigung beschädigter Identität" beschreibt er "die Situation des Individuums, das von vollständiger sozialer Akzeptierung ausgeschlossen ist. Dies geschieht, weil im direkten Kontakt zwischen seiner "virtualen sozialen Identität" die der lnteraktionspartner antizipiert hat, und seiner "aktualen sozialen Identität" eine Diskrepanz ist, die es in unerwünschter Weise von anderen seiner Kategorie unterscheidet. Soziale Identität betrifft also die Kategorisierbarkeit eines Individuums, das, was auf den ersten Blick ersichtlich ist. Die unerwünschte Eigenschaft, die das Individuum an den Tag legt, konstituiert sein "Stigma" seinen Makel, der es vom "normalen" sozialen Umgang ausschließt. Goffman sagt:

"Von der Definition her glauben wir natürlich, dass eine Person mit einem Stigma nicht ganz menschlich ist. Unter diesen Voraussetzungen üben wir eine Vielzahl von Diskriminationen aus, durch die wir ihre Lebenschancen wirksam, wenn auch oft gedankenlos, reduzieren. Wir konstruieren eine Stigma Theorie, eine Ideologie, die ihre Inferiorität erklären und die Gefährdung durch den Stigmatisierten nachweisen soll; manchmal rationalisieren wir derart eine Animosität, die auf anderen Differenzen beruht."

Was ein Stigma ist, hängt natürlich vom Bezugssystem ab. Was für eine Kategorie von Personen als diskreditierend gilt, muss es für die andere noch lange nicht sein. Man denke nur an die Eigenschaften, die landläufig Frauen oder Männern zugeschrieben werden. Jedenfalls erlebt ein stigmatisiertes Individuum in seinen sozialen Kontakten einen Mangel an Akzeptanz. Seine unmittelbare Gegenwart vermittelt dem Gegenüber diskreditierende Information. Dies geschieht vor allem durch "Stigmasymbole, Zeichen nämlich, die besonders wirksam darin sind, Aufmerksamkeit auf eine prestigemindernde ldentitätsdiskrepanz zu lenken." 5ie können "reversibel" (Sträflingskleider) oder "irreversibel" (Hautfarbe in einer von Rassismus geprägten Gesellschaft) sein. Wichtig für den Stigmaträger ist der Grad der Visibilität des Stigmas. Dieser hängt von der sozialen Situation ab. Ein Blinder am Telefon z. B.' muss für seinen Gesprächspartner nicht als Stigmatisierter in Erscheinung treten. Die soziale Situation erfordert also verschiedene Techniken des Stigma Managements, des Umgangs mit dem Makel im zwischenmenschlichen Verkehr, u. U. ist Täuschen eine Option. Kurvieren ist eine andere "Technik" mit mehreren Varianten:

a) Benutzen eines eleganten Hilfsmittels

b) Enthüllen eines schwachen Stigmas bei gleichzeitigem Verhüllen eines starken, z B. Tragen einer dunklen Brille zur Verbergung von Augenentstellungen bei Blindheit.

c) Anstrengung, das Ausspielen jener Fälle einzuschränken, die mit dem Stigma am zentralsten identifiziert werden. Es geht dabei darum, die Art und Weise einzuschränken, in der ein Attribut, sich in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit drängt."

Es liegt auf der Hand, dass es Stigmata von solcher Schwere gibt, dass weder Täuschen noch Kurvieren angewandt werden kann, weil daraus für die Interaktion kein Gewinn zu ziehen ist. Der evident Stigmatisierte hat meist keine lnformationskontrolle. Ihm bleibt gegenüber dem Normalen nur Spannungsmanagement. Dies ist der Fall bei schwerer Mehrfachbehinderung und auch bei vielen Körperbehinderungen.

Im folgenden beziehe ich mich auf diese Fälle, deshalb interessiert dann nur noch die lrrelevanzregel, welche besagt, dass im direkten sozialen Kontakt zwischen Stigmatisiertem und Normalem so getan wird, als ob das Stigma keine Rolle spielte.

Ein Problem für eine Person mit einem evidenten Stigma besteht noch darin, dass ihre persönliche ldentität, d. h. ihre Einzigartigkeit ebenfalls an ihrem Stigma festgemacht wird, dass dieses also als Identitätsaufhänger dient, von dem aus alle ihre anderen Eigenschaften interpretiert werden.

Neben "sozialer Identität" und "persönlicher Identität" unterscheidet Goffman als dritte Perspektive die "Ich-Identität", von der er sagt: "lch-ldentität ist zuallererst eine subjektive und reflexive Angelegenheit, die notwendig von dem Individuum empfunden werden muss, dessen Identität zur Diskussion steht." Bezogen auf die Ich-Identität eines stigmatisierten Individuums konstatiert er eine besondere Ambivaienz, die im wesentlichen davon herrührt, dass es hin und hergerissen sein wird zwischen verschiedenen Identifikationsmöglichkeiten. Es kann sich an Seinesgleichen orientieren, das wäre In group Ausrichtung. Oder es richtet sich nach den Normalen, vollzieht also Out group Ausrichtung. Out group Ausrichtung bedeutet vor allem Anpassung an die Bedürfnisse der Normalen, d.h. Akzeptanz ihrer beschränkten Akzeptanz durch den Stigmatisierten. Die Grenzen der Normalen dürfen nicht strapaziert werden. Der Stigmatisierte ist umgeben von "teilnehmenden Anderen", worunter im besonderen zu verstehen sind: Seinesgleichen und "Weise". Letztere sind Personen, die durch Professionalität oder besondere Sozialstruktur (Verwandtschaft oder Freundschaft) intime Kenntnisse über das Leben eines stigmatisierten Individuums erworben haben. Bezüglich Normaler und Stigmatisierter kommt Goffman zu folgenden Schlüssen: "Stigma Management ist ein allgemeiner Bestandteil von Gesellschaft, ein Prozeß, der auftritt, wo immer es ldentitätsnormen gibt. Man kann deshalb vermuten, dass die Rolle "normal" und die Rolle "stigmatisiert" Teile des gleichen Komplexes sind." Goffman kommt aber nicht umhin festzustellen: "Die lebenslänglichen Attribute eines bestimmten Individuums können bewirken, dass es als Typ festgelegt ist; es kann die stigmatisierte Rolle in fast all seinen sozialen Situationen spielen müssen, Ihre bestimmten stigmatisierenden Attribute determinieren jedoch nicht die Natur der zwei Rollen "normal" und "stigmatisiert", sondern bloß die Häufigkeit, mit der sie eine von ihnen spielt.

 

1.2.3. ldentiätstheorie nach Krappmann (soziologisch)

Die Grundannahmen Krappmanns sind folgende:

"Der Interaktionismus ist der Auffassung, dass das Individuum auf soziale Beziehungen zu anderen angewiesen ist, weil es nur in diesen Beziehungen "ein Selbst" aufbauen bzw. "Identität" gewinnen kann. Diese Beziehungen zwischenmenschlicher Kommunikation und gemeinsamer Aktion werden jedoch als stets prekär betrachtet. Das Individuum benötigt Strategien, um sie zu erhalten. Der Interaktionismus betrachtet das soziale Geschehen als einen offenen, dynamischen Prozess. Jedes lnteraktionssystem muss folglich immer wieder neu Integration suchen. Jedes Individuum muss sich ständig bemühen, seine Beteiligung an Interaktionen und somit zugleich auch sein "Selbst" bzw. "Identität" neu zu stabilisieren.

Der Interaktionismus erklärt Verhalten nicht im Schema von "Stimulus" und "Response". Er weist vielmehr nach, dass der Mensch in einer symbolischen Umwelt lebt. Alle Gegenstände, Strukturen, Personen und Verhaltensweisen erhalten durch gemeinsame Interpretationen soziale Bedeutungen ("meanings"). Auf dieser Grundlage begreift der Interaktionismus soziales Handeln z. B. Rollenhandeln stets als intentional, nämlich als Bemühung, einen Sinngehalt zu verwirklichen .

In jeder Begegnung hat das Individuum zwei Aufgaben: Es muss einerseits zeigen, inwiefern es ist "wie alle anderen", d.h. inwiefern es einzuordnen ist in alltägliche Erwartungen, inwiefern es sozial kategorisierbar, kein 'Wesen von einem fremden Stern' ist. Es muss aber zweitens zeigen, inwiefern es ,einmalig' ist. Es ist gehalten, seine ,phantom normaly' zu zeigen. Zwischen seiner Kategorisierbarkeit (seiner 'sozialen Identität') und seiner Einmaligkeit, die das Individuum als 'phantom uniqueness' als seine 'persönliche Identität' annimmt, muss es einen ständigen Balance Akt vollführen, um nicht für die Interaktion untauglich zu werden. Die Art und Weise dieser Balance ist individuell. Sie ist seine 'lch-ldentität'. Jede Interaktion ist ein 'Handel um Identität' unter der Fragestellung: Als wen bist du bereit mich anzuerkennen? Und als wer will (oder kann) ich mich zeigen?

Keine Interaktion befriedigt alle Bedürfnisse. Deshalb muss der Einzelne, um interaktionstauglich zu sein, Ambiguitätstoleranz aufbringen. D. h. er muss es aushalten können, bei sich und anderen verschiedene Motive und verschiedene Rolleninterpretationen gleichzeitig zu dulden. Ob ein Mensch Ambiguitätstoleranz entwickeln kann, hängt von den lnteraktionsmustern in der Familie ab.

Das Individuum kann seine "Rolle" nur eingeschränkt spielen, wenn es sich über seine wahren Bedürfnisse im Unklaren ist. Unter Rolle versteht Krappmann nämlich sozial definierte und institutionell abgesicherte Rollenerwartungen, die je interpretiert werden müssen. Das "Wie" der Rolleninterpretation ist die Präsentation von Ich-Identität. Die Rollenerwartungen sind nämlich nicht so fix, dass sie dem Individuum nicht lnterpretationsspielraum ließen. Dies geschieht durch Rollendistanz, die entwickelt wird hauptsächlich dadurch, dass jeder Mensch automatisch in mehreren Beziehungsgeflechten lebt, also mehrere Rollen spielt, die sich in ihrer Interpretation gegenseitig beeinflussen. Wie jemand eine Rolle übernimmt, das sogenannte "role-taking" ist ein in der Interaktion geschehender, fortlaufender Prozess, bei dem sich die Erwartungen der Partner über die Erfordernisse der Situation (im besten Fall) einander annähern, d. h. wo ihre gegenseitige Empathifähigkeit gesteigert wird. Die Steigerung der Empathie durch und in Interaktion und daraus folgend die Möglichkeit zur Darstellung von Ich-Identität geschieht aber nicht notwendigerweise. Möglich ist auch, dass eine Person die andere durch die Art, wie sie sich präsentiert, in eine Rolle hinein zwingt. Dies ist das sogenannte "altercasting". Es gefährdet die Ich-Identität der lnteraktionspartner besonders in asymmetrischen Beziehungen, die der Unterlegene nicht ohne Risiko verlassen kann. Ambiguitätstoleranz' die Fähigkeit zu Rollendistanz' die durch Empathie erworbene Fähigkeit zu "role-taking" und die Fähigkeit zur Darstellung der Identität sind zur Ausbildung der Ich-Identität erforderlich. Es ist Krappmann zuzustimmen, wenn er der Ambiguitätstoleranz dabei den höchsten Stellenwert beimisst. Im wesentlichen geht es für den Betroffenen darum, sich von der Definition als Defizitwesen distanzieren zu können. In der Sprache des Befreiungspädagogen Paub Freire ausgedrückt, gilt es, die "Ausweisung der Herren aus dem Bewusstsein der Unterdrückten" bewerkstelligen. Die kann im Einzelfall "äußerst schwierig sein. Denn: "dem Behinderten wird von frühester Jugend an eingebleut, für ihn kämen viele Dinge überhaupt nicht in Frage. Das Gift der Minderbewertung wird dem Betroffenen solange in homöopathischen Dosen eingeträufelt, bis er selbst ganz davon durchdrungen ist. Später mag er mit seinem Kopf die Fragwürdigkeit dieser abwertenden Haltung durchschauen. Es hilft ihm nichts. Das verseuchte Unterbewusstsein lacht seinen verstandesgemäßen Argumenten Hohn. Es führt ihn immer wieder in Situationen, in denen das nicht bewusste Minderwertigkeitsgefühl mit ihm durchbrennt."

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