Konvent von behinderten SeelsorgerInnen und BehindertenseelsorgerInnen e.V.
Wenn Jesus zu den Menschen kommt
Von Pfarrer Thomas Günzel, Berufsbildungswerk Leipzig
Eine Phantasie zu Matthäus 25, 40:
Und der König wird antworten und zu ihnen sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.
Wenn Jesus
Christus zu den Menschen kommt, um sie nach ihrem Leben zu fragen, dann wird
sich eine unübersehbare Menschenmenge aller Zeiten und Orte zusammenfinden.
Aber obwohl alle warten müssen, wird für keinen die Zeit lang, denn Zeit spielt
keine Rolle mehr es ist Ewigkeit. Jesus wird jedem einzelnen in die Augen
schauen und auch blinde Augen werden IHN sehen und taube Ohren werden genau
wissen, was er sagt.
Er wird sich z.B. einem Kind zuwenden: Was tatest du für mich?
Das Kind schaut ihn zögernd an: Jesus, mein Bruder, was hätte ich tun
können? Du hast mir nur wenige Lebensminuten gelassen, ich konnte noch das
bleiche Gesicht meiner abgekämpften Mutter sehen, ihre lieben Augen und ihre
Tränen und dann musste ich schon gehen!
Und Jesus wird sagen: Es ist
gut, denn in deinem Wachsen hast du deine Mutter beglückt und in deinem Sterben
habe ich mit deiner Mutter geweint. So ist sie gereift und konnte anderen zur
Hilfe werden. Du hast getan was du tun konntest: Glücklich, ja selig sollst du
sein auf ewig!
Und er wird sich einem Politiker zuwenden: Was tatest du für mich?
Selbstbewusstsein begegnet seinem Blick: Herr Jesus, vor jeder Wahl bin ich in
die Kirche gegangen und habe mich zu den christlichen Werten des Abendlandes bekannt.
Sie waren die Grundlage meines politischen Denkens und Handelns und meine
Partei, die ....
Aber Jesus wird ihn unterbrechen und sagen: Es ist genug, ich weiß,
welche Partei es war, aber es ist egal, es spielt keine Rolle mehr. Du hattest
viele Möglichkeiten, aus deinem guten Bekenntnis auch gute Politik zu machen,
aber ich habe das Gefühl, du hast noch immer nicht gemerkt, dass zwar deine
Reden gut waren, aber die Ergebnisse deiner Politik mangelhaft. Ich will dir
noch ein wenig Bedenkzeit geben.
Und dann, eine ganze Weile später, wird sich Jesus der Ecke zuwenden, in der
sich Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter diakonischer Einrichtungen drängen. Man
sieht erschreckten Pfarrer-Gesichtern an, dass sie nun etwas erleben, was sie
selbst nicht geglaubt haben. Man merkt, wie andere verzweifelt in ihren
Handtaschen nach der Kircheneintrittserklärung suchen und wie manche ein
trotziges Gesicht aufsetzen: Jetzt erst recht nicht! Das könnte ja aussehen,
als ob ich himmlische Karriere machen wollte. Einige drängeln nach vorn und als
Jesus seine Frage stellt: Was tatest du...
platzen sie heraus: Ich musste jahrelang in der MAV sein, weil es keine
anderen Mitarbeiter gab, die in Frage kamen. Und einer sagt: Ich wollte ja,
aber der Pfarrer hat mich nicht schnell genug getauft, der hat immer von
Glauben geredet und so, dabei hätte ich doch nur einen Schein gebraucht.
Jesus winkt die Pfarrer herüber, die ihn noch immer anstaunen: Hier habt ihr
noch eine Menge Arbeit. Diese Leute denken immer noch, sie könnten mich mit
ihren guten Taten oder mit organisatorischen Tricks beeindrucken. Erklärt ihnen
endlich, dass Glauben Vertrauen bedeutet und sehr viel mit Liebe zu tun hat.
Jesus geht einen Schritt näher heran: Und du, was tatest du für mich? Sein
Gegenüber schüttelt mit dem Kopf: Ich tat nichts, du weißt doch, ich habe nie
geglaubt, dass es dich wirklich gibt."
Jesus legt ihm die Hand auf die Schulter, schmunzelt und sagt: Ich bin dir
sehr dankbar mein Sohn. Deine verbissenen Fragen haben den Pfarrer das Antworten
gelehrt. Und weil du mich so sehr ablehnen musstest, hast du vielen Gutes
getan, einfach um zu beweisen, dass man auch ohne den christlichen Glauben ein
guter Mensch sein kann. Damit hast du es dir unnötig schwer gemacht aber du
hast viel für mich getan. Allerdings: ich habe dir auch ausreichend Verstand
gegeben und es wäre schön gewesen, wenn du ihn einmal dazu eingesetzt
hättest, um mich mit deinem eigenen Verstand zu entdecken.
Was tatest du fragt Jesus weiter und fast hätte Jesus jetzt Sie gesagt,
denn man spürt gleich, dass nun die wichtigen Missionsdirektoren und
Geschäftsführer kommen, schon weil in dieser Gruppe so wenig Frauen stehen.
Wir haben für die Expansion der Diakonie gesorgt und Ressourcen ausgenutzt, um
Kirchensteuermittel zu sparen. Jetzt muss Jesus lachen: Du kannst nur aus
Deutschland kommen, solche Worte gibt es nur da. Aber ich habe nicht gefragt,
was IHR alles geleistet habt. Das sollen die Soziologen und Statistiker
bewerten und vor allem die, die eure diakonischen Einrichtungen genutzt haben,
die Kinder und Alten, die Jugendlichen und die behinderten Menschen. Aber ich
frage Dich, persönlich, was tatest du für mich? Da kommt der geübte Redner
ins Stottern - und Jesus gönnt ihm noch ein wenig Zeit.
Noch bevor er wieder fragen kann, schnippst jemand eifrig mit dem Finger und
schon sprudelt die Power-Frau los: Ich habe mich immer zuerst gemeldet. Ich
war stets zur Mitwirkung bereit. Ich habe den anderen gezeigt, was ein
diakonisches Projekt ist. Ich bin gleich nach der Wende in die Kirche
eingetreten. Ich... Jesus schaut sie traurig an: Du hast viel für dich
getan. Und du hast dabei auch Gutes getan, aber für mich hattest du gar keine
Zeit. Du hast soviel eigene Kraft verbraucht anstatt sie dir einfach von mir
schenken zu lassen. Dann hättest du auch für mich etwas tun können.
Hört mal her! Jesu Stimme erhebt sich über das ratlose Gemurmel der
diakonischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Es ist nicht wenig, was ihr tut
und es ist nicht wenig, was ich euch gegeben habe. Ihr habt einen
Arbeitsplatz und gute Arbeitsbedingungen. Ihr habt finanzielle Mittel und ein
geregeltes soziales Umfeld. Ihr habt einen klaren Verstand und emotionale
Ressourcen. Natürlich weiß ich, dass ihr Euch bessere Chefs, freundlichere
Kollegen und dankbarere Klienten wünscht. Und die Chefs wünschen sich
perfektere Mitarbeiter. Aber bedenkt, ob ihr selbst ein dankbarer Klient, ein
freundlicher Kollege, ein besserer Chef seid oder sein würdet. Und vergesst
nicht, dass andere Menschen an anderen Orten weitaus schwierigere Bedingungen
haben und nicht so reich beschenkt wurden wie ihr. Also tut nicht so, als ob
ihr zu wenig habt und wundert euch nicht, wenn ich eine ganze Menge von euch
erwarte. Ihr braucht auch nicht so zu tun, als ob eure Erfolge nur euer eigener
Verdienst wären. Doch ihr müsst euch ebenso wenig verstecken. Was gut ist, darf
gut genannt werden. Aber vergesst nicht: Gottes neue Welt ist keine
Leistungsgesellschaft. Hier gelten andere Maßstäbe. Viel oder wenig sind
relative Begriffe. Hier geht es um Qualität, die von Herzen kommt und nicht um
Quantität, die Statistiken entspringt.