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Konvent von behinderten SeelsorgerInnen und BehindertenseelsorgerInnen e.V.


Die Berufung des Mose (Exodus 4, 10 - 16)

Predigt von Pfarrer Hans-Georg Döring

Liebe Schwestern und Brüder,

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und unserm Herrn Jesus Christus.

 

Ich habe einen Predigttext ausgesucht, der für uns im Konvent von behinderten SeelsorgerInnen und BehindertenseelsorgerInnen, und dort besonders für unsere behinderten Kolleginnen und Kollegen, ein Mutmachtext und mehr als das ist, nämlich ein Text, der sie in besondere Weise in die Mitte ihrer Kirche holt, in der sie so gerne ihren Dienst tun wollen. Es ist die Geschichte von der Berufung des Mose.

Vorausgegangen ist dem folgenden Dialog die Geschichte mit dem brennenden Dornbusch und ein Ringen zwischen Gott und Mose um dessen Berufung. Einwände und Zweifel werden von Mose angeführt und von Gott souverän beantwortet und entkräftet. Schließlich holt Mose sozusagen das aller wichtigste und gewichtigste Argument aus der Tasche. Aber hören wir selber in Exodus 4, 10 - 16:

 

Mose aber sprach zu dem HERRN: Ach, mein Herr, ich bin von jeher nicht beredt gewesen, auch jetzt nicht, seitdem du mit deinem Knecht redest; denn ich hab eine schwere Sprache und eine schwere Zunge. Der HERR sprach zu ihm: Wer hat dem Menschen den Mund geschaffen? Oder wer hat den Stummen oder Tauben oder Sehenden oder Blinden gemacht? Habe ich's nicht getan, der HERR? So geh nun hin: Ich will mit deinem Munde sein und dich lehren, was du sagen sollst Mose aber sprach: Mein Herr, sende, wen du senden willst. Da wurde der HERR sehr zornig über Mose und sprach: Weiß ich denn nicht, dass dein Bruder Aaron aus dem Stamm Levi beredt ist? Und siehe, er wird dir entgegenkommen, und wenn er dich sieht, wird er sich von Herzen freuen. Du sollst zu ihm reden und die Worte in seinen Mund legen. Und ich will mit deinem und seinem Munde sein und euch lehren, was ihr tun sollt. Und er soll für dich zum Volk reden; er soll dein Mund sein, und du sollst für ihn Gott sein.

 

Gott, leite uns in der Wahrheit. Dein Wort ist die Wahrheit. Amen

 

Es scheint, liebe Schwestern und Brüder, in der Bibel eine Tradition in einer menschlichen Beschäftigung zu geben, die man – wenn man in menschlichen Begriffen überhaupt von Gott reden kann – etwas locker mit dem Begriff „Gott ärgern“ bezeichnen kann. Es ist kaum zu glauben, wie sich die Menschen manchmal anstrengen, um Gott zu ärgern. Gott lässt sich ja in großer Geduld einiges von seinen Kindern bieten. Angesichts einer göttlichen Entscheidung wird von den Betroffenen überlegt, berechnet, abgewogen, hin und her gewälzt, Einwände erhoben, Bedenken geäußert, Versammlungen abgehalten usw., obwohl doch Gott schon entschieden hatte. Die Geschichte des Volkes Israel in der Wüste und danach sind voll von diesen Ereignissen.

Offenbar nahm das alles schon bei Mose seinen Lauf. Lang und breit diskutiert Mose mit Gott über seine Berufung. Ein Argument nach dem anderen wird von Gott ausgehebelt. Gott ist da keineswegs ungeduldig. Er lässt ja mit sich reden. Schließlich bleibt Mose nur noch ein Argument: Ich kann nicht, weil ich dazu nicht geeignet bin, denn ich bin behindert, sagt er. Diese Behinderung hat mit Sprechen zu tun. Vielleicht stotterte er. Jedenfalls kann er die Botschaft, die er dem Pharao vorbringen soll, nicht in angemessener Weise vortragen. Das ist sehr schlecht, denn wenn ein Mensch das Zentralste für seine Berufung nicht kann, dann nutzt doch die ganze Berufung nichts, weil er dann dafür ungeeignet ist. Oder nicht?

Es ist schon unglaublich, wie nahe die Verfasser Gott an der menschlichen Gefühlswelt ansiedeln, aber es hat auch etwas sehr Charmantes. Das Gespräch zwischen Gott und Mose geht nun weiter, indem Gott beginnt, ungeduldig zu werden. Ich sehe ihn antworten: „Hallo, Mose, was glaubst du eigentlich, wer die Menschen mit diesen Behinderungen geschaffen und so ausgestattet hat? Hältst du mich für so dumm, dass ich nicht weiß, was ich tue? Ich habe dich und die anderen Menschen mit Behinderung geschaffen. Ich weiß darum und ich weiß auch, was ich ihnen zumuten darf und wozu ich sie senden möchte. Ich weiß es, auch wenn Du es nicht begreifen kannst. Denn ich bin Gott und nicht du.“

Hmm. Dagegen lässt sich nun wirklich nichts mehr sagen. Das letzte Argument des Mose war damit von Gott ausgehebelt worden. Ergibt sich Mose jetzt in sein Schicksal? Nimmt er die Berufung an?

Glaubt mir: nichts fällt oftmals einem Menschen mit Behinderung so schwer, wie die Selbstannahme. Die meisten von uns Nichtbehinderten haben es schon schwer, sich selber lieben zu können, weil wir uns zu dick, zu hässlich, zu klein, zu groß, zu faltig zu weiß der Kuckuck was halten. Wir bringen Argumente vor wie traumatisierende Kindheit, die uns nicht los lässt, böse Menschen, widrige Umstände, die alle verhindern, dass ich mich selber lieben kann. Das ist schon schlimm genug. Aber wenn ich auch noch eine Behinderung habe, dann wird es noch weit schwieriger: Ich habe die Probleme der anderen und zusätzlich noch die, die mit meiner Behinderung zusammenhängen. Ob ich, ein Spastiker im Rollstuhl, wirklich Pfarrer sein kann? Der erste Kampf um eine solche Berufung fängt im eigenen Kopf an. So auch bei Mose. Er sagt sich: „Jetzt habe ich keine Argumente mehr, aber dennoch fühle ich mich der Aufgabe nicht gewachsen. Ich will nicht!“

Ich sagte es ja zu Beginn: Der Mensch denkt sich viel aus, um Gott zu ärgern. Und Gott antwortet, wie es anscheinend von ihm erwartet wird: Inzwischen mit großem Ärger. Gott wird sehr zornig, heißt es. Den Einwänden und der Zauderei ist anscheinend nicht anders beizukommen, als sehr zornig zu werden. Dafür herrscht jetzt Ruhe. Mose wird von Gott sozusagen mundtot gemacht. Manchmal brauchen wir Menschen wohl auch ein sehr zorniges Gotteswort, um uns endlich in unsere Schranken zu fügen, scheint es mir.

Doch – Gott sei Dank im wahrsten Sinne des Wortes – wird er so nicht allein gelassen, sondern Gott denkt sich eine Hilfe für Mose aus, die ihn wieder aufbaut und letztlich nicht mundtot zurück lässt, sondern überzeugt. Gott erfindet einen neuen, sehr nützlichen Beruf: den des Assistenten. Menschen mit Behinderung wissen diese Einrichtung sehr wohl zu schätzen. Assistenten machen all das, was jemand auf Grund seiner Behinderung nicht kann. Dabei handeln sie aber nicht nach eigenem Gutdünken, sondern so, wie es der Chef, also der Mensch mit Behinderung ihm sagt. Wer daran Zweifel hat, möge sich mal bei meinem Freund Wolfgang überzeugen. Da beginnen die Assistenten ihren Dienst bei ihm und nur wenige können kochen. Aber nach einiger Zeit beherrschen sie diese Kunst hervorragend. Und warum? Weil Wolfgang gerne kocht; und er kocht durch ihre Arme. Wolfgang stellt zusammen, gibt Anweisungen, schnipselt, mischt, rührt bis alles fertig ist. Und die Assistenten lernen dabei. So ungefähr, wie Wolfgang mit seinen Assistenten kocht, so sollen also Mose und Aaron zusammen arbeiten. Mose ist der Chef mit Behinderung und Aaron sein Assistent. Gepriesen sei Gott, dass er sich so was Wunderbares ausgedacht hat.

Menschen mit Behinderung im Pfarramt. Darum geht es ja heute, wenn ich als Behindertenbeauftragter unserer Landeskirche meinen Dienst aufnehmen werde. Es ist für mich wirklich bewegend, wie sich meine Amtsschwestern und –brüder in dieser Geschichte der Berufung des Mose wieder erkennen. Oft liegt ein schwerer Weg hinter ihnen. Oft bekamen sie zu hören, dass man mit einer solchen Behinderung nicht Pfarrer werden kann. „Das geht nicht, weil du den Beruf nicht ausüben kannst.“ Stimmt ja auch sehr oft. Es geht eben nicht alles, wenn man behindert ist. Sicher! Aber geht denn wirklich so wenig, wie die anderen meinen? So wägen sie, die sich zum Pfarrer berufen fühlende Menschen mit Behinderung, ab, hören die Argumente, kämpfen mit sich selber und mit den Einwänden. Etliche geben früher oder später einfach auf, einige machen weiter. Und sie müssen kämpfen, mehr als alle anderen. Denn welche Uni ist schon behindertengerecht? Manche Behinderungsarten machen es einem leichter, manche schwerer. Manchmal gehen die Beurteilungen des Leistbaren auseinander. Man selber meint, ich kann, während andere sagen: du kannst nicht! Vielleicht liegt die Wahrheit in der Mitte: Ich kann mehr, als andere glauben, aber vielleicht doch weniger, als ich selber für möglich halte. Einsichten darüber sind für alle Seiten oft schmerzhaft.

Wie schade wäre es aber, wenn wir all diese Menschen nicht im Pfarramt hätten oder haben. Ich hielte unsere Kirche für sehr viel ärmer. Sie bringen alle etwas Besonderes ein, was keiner von uns Nichtbehinderten einbringen könnte: Besondere Erfahrungen mit Ablehnung und Leid, besondere, neue Verhaltesweisen, auf die niemand von uns so käme, besondere Gefühle, Botschaften, Beziehungen, die unsere Kirche reich machen. Das Evangelium aus ihrem Mund verkündet klingt ganz neu.

Beispiel: Wenn ich mich hinstelle und sage: „Gott will, dass es mich gibt!“ dann klingt das ganz anders, als wenn z.B. mein Freund Wolfgang das sagen würde: „Gott will, dass es mich gibt!“ Jedenfalls habe ich erlebt, wie auf dem Frankfurter Kirchentag besonders junge Menschen von seiner Verkündigung, die in unmittelbarem Zusammenhang mit seiner Behinderung gestellt wurde, enormen Eindruck machte. Wenn ein Mensch mit so schwerer Behinderung von der Liebe Gottes zu sich reden kann, dann muss an dieser Botschaft was dran sein. Das überzeugt mehr als manche Predigt von Nichtbehinderten.

Nun will ich aber auch nicht den umgekehrten Fehler machen und die Befähigung von Menschen mit Behinderung für das Pfarramt überhöhen. Natürlich gibt es auch unter den Menschen mit Behinderung, die ins Pfarramt streben, solche, die dort nichts zu suchen haben. Aber das ist ja wohl für alle gleich. Das sind auch etliche unserer nichtbehinderten Kolleginnen und Kollegen.

Zurück zur Berufung des Mose: Auch ich habe als Behindertenbeauftragter meinen Platz in dieser Geschichte. Am ehesten würde ich ihn an der Stelle ansiedeln, wo Gott zornig wird, also an der entscheidenden Schnittstelle der Entscheidung über die Annahme der Berufung. Ich möchte einerseits mit den behinderten Berufenen über ihre Berufung nachdenken, und andererseits in unserer Kirche Bereitschaft wecken, diese Menschen dann mit ihrer Besonderheit in die Mitte, also auch ins Pfarramt, zu holen. Meine Aufgabe wird sein, beide füreinander bereit zu machen, soweit das nötig ist. Ich möchte gerne mit meinen Kolleginnen und Kollegen mit Behinderung nachdenken, wie es weiter gehen kann mit ihrer Berufung, und ich möchte gerne mit meiner Kirchenleitung überlegen, wie wir sie mit ihren Gaben zum Erblühen bringen.

Meine Aufgabe ist also wirklich schön: Ich darf dazu beitragen, dass die zahlenmäßig eher gering besetzte Stimme von Menschen mit Behinderung im Pfarramt im großen himmlischen Chor vor Gottes Thron zu vernehmen ist. Sie soll nicht fehlen in der Fülle des himmlischen Sound. Ich bin stolz auf diese Berufung und ich freue mich auf die damit verbundene Aufgabe. Und wenn ich dieses Amt in zwei Jahren hoffentlich an einen behinderten Kollegen oder Kollegin weiter geben darf, dann hoffe ich, dass sich eine kleine Schar behinderter Pfarrerinnen und Pfarrer zusammengefunden hat, die die Botschaft des Evangeliums, wie sie sich ihnen offenbart hat, in der Mitte unserer Kirche frei verkündigen. Möge Gott uns dabei leiten. Amen.

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