Zur Titelseite

kbs-Logo

Konvent von behinderten SeelsorgerInnen und BehindertenseelsorgerInnen e.V.


Sylvia Krautter

„Nichts über uns ohne uns“

Ein Aufsatz im Deutschen Pfarrerblatt 08/2003 anlässlich des Europäischen Jahres der Menschen mit Behinderung

Die Europäische Union hat das Jahr 2003 zum „Europäischen Jahr der Menschen mit Behinderungen“ erklärt. Auf dem Europäischen Behindertenkongress in Madrid im März 2002 sind Visionen formuliert worden, die als Rahmen für Maßnahmen im Europäischen Jahr der Menschen mit Behinderungen dienen können. „Nichts über uns ohne uns“ ‑so lautet der Grundsatz für das Europäische Jahr. Als Betroffene ‑ Pfarrerin, die wegen Multipler Sklerose (MS) im vorzeitigen Ruhestand ist ‑ spricht mich der Grundsatz „Nichts über uns ohne uns“ an. Denn jede Behinderung wirkt sich anders aus, Begrenzungen und Einschränkungen sind sehr unterschiedlich, auch notwendige Assistenzen sind ganz verschieden. Um diese Verschiedenheit erkennen und verstehen zu können, sind Begegnungen zwischen den Menschen und eine offene Kommunikation wichtig und das alles geht nur mit uns, nicht ohne uns und schon gar nicht über uns. Begegnungen und offene Kommunikation sind deshalb wichtig, weil ich in meiner Situation zum Beispiel nicht möchte, dass mir jemand unter die Arme greift, wenn ich vom Stuhl alleine aufstehen kann. Ich weiß, es ist gut gemeint, aber ich sage, wenn ich Hilfe benötige. Manchmal fällt meine Gehhilfe unabsichtlich neben mich. Hilfsbereite Menschen heben den Stock auf, wieder andere hängen ihn an die Garderobe, auch wenn ich darum bitte, den Stock neben mir liegen zu lassen, damit ich ihn holen kann, wenn ich ihn benötige. Menschen mit Sinnesbehinderungen brauchen Assistenzen, um am gesellschaftlichen Leben teilnehmen zu können, für Menschen mit körperlichen Bewegungsbeeinträchtigungen ist die Barrierefreiheit der materiellen Umwelt wichtig und für Menschen mit chronischen Erkrankungen fehlt oft eine Aufklärung im sozialen Umfeld über die besonderen krankheitsbezogenen Bedürfnisse. Menschen mit Handicap sind in erster Linie Menschen und sie sind dabei so unterschiedlich wie Menschen allgemein sind. Dieses „Europäische Jahr der Menschen mit Behinderungen“ hat zum Ziel, die Öffentlichkeit für die Rechte von Menschen mit Behinderungen zu sensibilisieren und die Diskussion über die Chancengleichheit anzuregen, denn es gibt „unsichtbare Schranken“ zwischen Menschen mit und ohne Behinderungen: Die Gemeinschaft der Menschen untereinander ist hilfsbedürftig, unsere Gemeinschaftsfähigkeit krank und unsere Friedensfähigkeit im Aushalten menschlicher Verschiedenheit behindert, deshalb ist der Grundsatz dieses Europäischen Jahres 2003 so wichtig.

 

Jeder Mensch ist ein Geschöpf Gottes

Die jüdisch‑christliche Überlieferung bezeugt die Erde, den ganzen Kosmos, als Schöpfung Gottes. „Ich glaube an Gott ... den Schöpfer des Himmels und der Erde.“ Martin Luther hat das zu seiner Zeit auf den Punkt gebracht: „Ich glaube, dass mich Gott geschaffen hat samt allen Kreaturen.“ Der Mensch wird in der Vielfalt seiner Lebensvollzüge und Umweltbeziehungen gesehen. Er wird in seinem geschöpflichen Anderssein gegenüber dem Schöpfer von diesem bejaht und dadurch auch zur Selbstbejahung ermutigt.

Auch der behinderte Mensch ist ein von Gott bejahtes Geschöpf (2. Mose 4,10‑12). In das Leben jedes Menschen ist seine leibliche Schwäche und Hinfälligkeit einbezogen. Die Gesunden sind nicht das bessere Modell der guten Absichten Gottes mit dem Menschen. Gott hat nicht nur das begrenzte und sterbliche Menschsein angenommen und zum Teil seines Lebens gemacht, sondern auch das behinderte, kranke, schwache, hilflose und lebensunfähige Menschsein. „ich will euch erquicken“ (Mt 11,28 ): Jeder Mensch nimmt durch sein Leben teil an der Menschwerdung Gottes, die wir im Leben, im Leiden und Sterben Jesu erkennen. An Jesu Schicksal kann man erkennen, dass Gott nicht außerhalb der Welt steht, sondern er nimmt teil am Geschick der Menschen. Kein Schmerz, kein Leid bleibt ihm erspart, er sieht dem Tod in 's Auge. Alles, was Menschen Menschen antun oder an Schlimmen erleben, hat dieser Gott selbst erlitten. Auf dem Weg des Menschensohnes von der Geburt bis zum Gebet in Gethsemane und bis zum Tod am Kreuz, hat jeder Mensch seinen Platz, wo Gott sich mit uns identifiziert und wir bejaht sind. Das Ziel Teilhabe herzustellen, tritt an die Stelle der „Integration“. Dahinter steht der Anspruch, behinderte Menschen als gleichberechtigt zu „beteiligen“.

Eine der Forderungen in diesem europäischen Jahr lautet:

Teilhabe behinderter Menschen statt ausgrenzender Fürsorge.

 

Kein Mensch hat sich selbst zur Weit gebracht

Die jüdisch‑christliche Überlieferung zeigt, dass dem anfänglichen Ja Gottes zur Vielfältigkeit des Menschen ein weitergehendes immer wieder erneutes Ja folgt. Wenn wir vom Menschen Jesus her, von diesem hilfsbedürftigen Gottessohn her, unser Menschsein bestimmen, haben wir es nicht nötig unsere Schwächen zu verstecken. Und wenn klar ist: Jeder und jede ist auf Hilfe angewiesen, und jeder und jede kann mittun, denn „Boden unter den Füssen hat keiner“, wie der jüdische Philosoph Franz Rosenzweig 1920 geschrieben hat.“... Jeder kann immer nur den andern, der ihm gerade zunächst im Sumpfe steckt, beim Schopfe fassen. Dies ist der ,Nächste', von dem die Bibel redet... .“ Dass wir alle nicht miteinander untergehen, verdanken wir der Tatsache, „dass die große Hand von oben alle diese haltenden Menschenhände selber bei den Handgelenken hält' (5. Mose 32,11). Wie jeder, auch der Schwächste, dazugehört, so ist andererseits jeder, auch der Stärkste schwach, unfertig, auf andere angewiesen. Das Defizitäre gehört immer in die Definition des wirklichen Menschseins. Wir alle haben Ängste, wir alle sind gefährdet, wir alle müssen sterben. Die Bibel erzählt, dass Jesus Gemeinschaft mit denen sucht, die den Normen der Gesellschaft nicht entsprechen konnten. In den Passionsgeschichten entdeckt man, dass Jesus auch der war, der Assistenzen nötig hatte. Seine Eltern mussten ihn nach Ägypten retten. Als er am Kreuz hing, häuften sich die Sätze, die ihm die Rolle des Hilfeempfängers zuwiesen: Der Soldat könnte ihm zum Trinken geben, Elia könnte ihm helfen und Simon von Kyrene musste ihm das Kreuz tragen. Der Gottessohn braucht Hilfe. Die Geschöpflichkeit des Menschen mit und ohne Behinderungen zielt auf den Abbau diskriminierender Unterschiede, sie ist in diesem Sinne eingewoben in die Geschichte der Befreiung Gottes, die allen verheißen ist. Vor Gott haben die Unterschiede zwischen Menschen mit und ohne Behinderungen keine Bedeutung,

Wenn Menschen mit und ohne Behinderungen in die Befreiungsgeschichte Gottes eingebunden sind, kommt dieser Befreiungsprozess auch im Umgang unter uns Menschen zum Ausdruck, so dass in aller Unterschiedlichkeit Gemeinsamkeit und wechselseitige Verantwortung möglich werden. Gott ist als Mensch zur Weit gekommen, um mit den Menschen zusammen zu sein und ihnen gelingendes Leben untereinander zu ermöglichen (Joh 14,19). Also keine Verwaltung des Mangels, sondern aktive Eingliederung, dazu müssen aber Kompetenzen und Fähigkeiten behinderter Menschen wahrgenommen werden und keine Defizitfixierung. Übrigens helfen kann nur, wer seine eigene Hilflosigkeit erkannt hat. Wenn die Helfenden nicht immer nur stark sein müssen, wenn sie sich selbst und einander mehr von der Brüchigkeit und Schwäche zeigen und mitteilen können, entsteht neue Gemeinsamkeit. Die Unterschiede zwischen Gesundheit und Krankheit, zwischen Behindert‑Sein und Nicht‑Behindertsein relativieren sich.

Eine zweite Forderung im europäischen Jahr lautet:

Gleichstellung statt abwertendem Mitleid.

 

Jeder Mensch lebt von Beziehungen und Begegnungen

Der Mensch ist nach jüdisch‑christlicher Überlieferung ein Beziehungswesen. Die Gemeinschaft in der wir leben, darf nicht gekennzeichnet sein durch das Gegenüber, eines „Starken“, der sich hilfreich einsetzt für das „Schwache“, sondern durch das offene Miteinander aller. Jeder braucht Hilfe, jeder kann in irgendeiner Weise mittun, denn „Stärke liegt darin, Schwäche zu zeigen.“ Wir aber ziehen ständig Grenzen und Zäune. Jesus hebt die Grenzen auf, reißt die Zäune nieder. Der Gesetzeslehrer sitzt zu Tisch bei den Gesetzesbrechern. Das ist Jesu Modell von Gemeinschaft: er sortiert nicht, sondern vermischt. Der ewige Gott wird sterblicher Mensch. Manche Menschen sind darauf angewiesen, dass andere Beziehungen zu ihnen aufnehmen und durchhalten, um dadurch erst ihre Beziehungsfähigkeit zu entdecken und zu entfalten. Die Passionsgeschichte Jesu Christi stärkt unsere Sensibilität für alle menschlichen Lebens‑ und Leidensgeschichten. Worauf kommt es dann aber an? Dass wir Beziehungen aufbauen lernen, abgebrochene Beziehungen zueinander neu aufnehmen, miteinander Lebens‑ und Arbeitsformen verabreden und situationsbezogen verändern, das Versagen einander aussprechen und eingestehen: Menschen mit und ohne Behinderungen. Also nichts über uns ohne uns. Denn nach jüdisch‑christlicher Überlieferung sind wir Menschen zur Selbstbestimmung, nicht zu einer sich selbst erzeugenden Selbstbestimmung, aber zur Freiheit durch Jesus Christus bestimmt. Deshalb können wir alle mehr Mut zu Begegnungen und Kommunikation aufbringen, damit Vorurteile und Unkenntnis keinen Platz mehr haben.

Eine dritte Forderung im europäischen Jahr lautet:

Recht auf Selbstbestimmung statt wohlmeinender Bevormundung.

Viele Menschen wünschen sich in Krisenzeiten von ihren Nächsten, dass sie einfach dableiben, die Krise mit aushalten, schwere Phasen mit leidend durchstehen und gute Zeiten voller Hoffnung und unbekümmert genießen. Denn „ich bin Leben,“ ‑ wie Albert Schweitzer sagt ‑ „das leben will, inmitten von Leben, das leben will“.

Nach oben

Webcounter