Konvent von behinderten SeelsorgerInnen und BehindertenseelsorgerInnen e.V.
Therapeutisches Klonen - eine Anfrage
Pascal
Schilling, Pastor der Evangelischen Kirche von Westfalen in Bochum und Referent
für Theologie und Anthropologie im Konvent, hat folgenden Artikel verfasst.
1. In Genesis 1 heißt es: Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde,
zum Bilde Gottes schuf er ihn.
Dieser Satz verdeutlicht die Grundlage jeden
menschlichen Lebens nach jüdischem und christlichem Verständnis. Ebenbild Gottes und Ähnlichkeit im Bezug auf ihn meint keine wie
auch immer geartete Perfektion des Menschen. Vielmehr geht es um eine
Entsprechung des Menschen als Partner Gottes. Dies hat allerdings eine doppelte
Bedeutung:
a) der Mensch ist der Sachwalter Gottes. Er soll seinen Willen erfahrbar machen und dafür muss er sich auch verantworten,
b) Gott will dementsprechend mit dem Menschen die Liebe zu seiner Schöpfung und seiner Frieden (Shalom), d.h. die
umfassende Friedens‑ und Heilsbeziehung des
Einzelnen mit Gott, den Mitmenschen, der Welt um ihn herum und mit sich selbst deutlich machen.
Zu a) Der Mensch als
Gottes Partner die Beauftragung zur Wahrnehmung hoheitlicher Aufgaben, aber
letztlich nur als Stellvertreter Gottes: Alle menschliche Arbeit, die der
Gestaltung der Welt dient, d.h. auch die verantwortete
wissenschaftliche Forschung, kann sich ihre Kriterien und ihre
Rahmenbedingungen schlechterdings aus sich selbst heraus festlegen. Sie braucht
ihre Rückbindung an eine höhere Autorität, im weitesten Sinne an Gott. Sonst
verliert sie in einem luftleeren Raum, der keine Grenzer) mehr kennt und in dem allgemeingültige Kriterien
nicht mehr zugelassen noch bereitgestellt werden. Mit Fortschritt können wir nur mit einer ethischen Orientierung
fertig werden.
Zu b) Die Erschaffung des Menschen durch Gott impliziert immer auch die Würde des Menschen, derer der Mensch nicht beraubt
werden darf. Die Menschenwürde ist ein
verletzliches Gebilde, das geschützt sein will. Menschliche Maßstäbe wie
Leistung, Brauchbarkeit etc. nehmen etwas von der
dem Menschen eigenen Würde. Eine Betrachtung das Menschen allein als Objekt ist
zutiefst un‑menschlich, sie darf es nicht geben!
So würdig sind die Menschen für Gott, dass er sie zu seinen Zeichen in der Welt macht. Die Geschichten des AT machen
immer wieder deutlich, dass es hier
nicht primär um die Stärken oder Schwächen geht, schon gar nicht um
Leistungsvermögen oder um ein an den Tag gelegtes Kosten/Nutzen Denken für die
Allgemeinheit, sondern vielmehr um die Fähigkeit, sich auf Gott einlassen zu
können.
Wir sind in unser aller gebrochenen Existenz auf etwas außer uns selbst bezogen.
Wenn wir unsere Existenz nicht uns selbst zu verdanken haben; wenn unserem
Denken und Handeln in seiner Rückbindung an Gott gesetzt sind; wenn unsere
Würde mit menschlichen Maßstäben nicht beurteilbar ist, dann können wir uns in
der Medizin‑Bio‑Ethik nicht als Schöpfer gebärden. Es widerspricht
der so bestimmten Würde des Menschen fundamental, wenn nach dem britischen
Gesetz Embryos (also beginnendes menschliches Leben) nur als potentielles
Ersatzteillager geschaffen werden und dienen soll. Die Begründung, es gehe um
mögliche Therapieansätze, ist nicht stichhaltig. Kann Heilung von Kranken mit
dem Leiden anderen menschlichen Lebens erkauft werden? Wer soll denn dann in
den Genuss dieser neuen medizinischen Möglichkeiten kommen? Noch ist auch
längst nicht sicher, ob mit dieser Forschung wirklich Erfolgein der Behandlung
unheilbarer Leiden erzielt werden können.
Weiterhin liegt in dem britischen Gesetz eine bestürzende Tendenz, wenn damit ganz schnell Behinderungen jeder Art
unter die Rubrik: Unheilbares Leiden subsumiert würden. Damit wäre sogleich
entschieden, weiches Leben lebenswert und weiches unwert ist.
Der Missbrauch, wie er im dritten Reich mit. der Euthanasiekampagne und dem neu
aufgegriffenen und radikalisierten Begriff lebensunwertes Leben sanktioniert
wurde ‑ nach der Vorgabe groß, blond und blauäugig UND gesund ‑
ist in gewissem Sinne auch heute nicht von der Hand zu weisen.
2. Johannes 1,14: Das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen
seine Herrlichkeit.
Die Menschwerdung Gottes geht noch einen Schritt über die
Schöpfung der Welt und der Menschen, die auf ihr leben, hinaus: Gott schafft
nicht nur menschliches Leben, sondern er wird selber Mensch. Er liefert sich unserem
Dasein bedingungslos aus, nimmt unser Leiden in all seinen Formen an ‑
bis zum Tode am Kreuz, Gottes Umgang mit den vielfältigen Leiden der Menschen besteht
nicht im Einnehmen einer Zuschauerrolle, fernab.
In der Person Jesu nimmt er vielmehr Leiden und Krankheit als Teil menschlichen
Lebens ernst. Da wird das Leiden nicht nur so an die Seite geschoben. Bei Gott
haben die Menschen in ihrer Leidenssituation (und das schließt viele Erscheinungen
ein) weiterhin ihre unantastbare Würde. Was aber geschieht unter der Hand beim
therapeutischen Klonen? Hier ist die Achtung der Würde (eines jeden
menschlichen Lebens) keineswegs gesichert. Vielmehr sind einem Missbrauch
medizinischer Möglichkeiten (nicht nur) im Experimentierstadium) kaum Grenzen
gesetzt. Ganz grundsätzlich bleibt aber ausgeblendet, inwiefern die unbeantwortete
Frage eines Umgangs mit den Leiden des Menschen einfach nur mit ‑ es könnte
gesagt werden ‑ einem Schritt nach vorn übersprungen wird. Hat das
Leiden ‑so sehr es begrenzt sein will ‑ keinen Raum in unserer
Vorstellung, die womöglich ganz dem Bild des perfekten, für die Allgemeinheit
immer funktionierenden Menschen bestimmt ist? in diesem Zusammenhang sei die
Gefahr erwähnt, womöglich eugenisches Gedankengut, das Bild vom perfekten Menschen
neu auf die Tagesordnung zu setzen.
Indem therapeutisches Klonen in Großbritannien möglich wird, die ganze
Erbarmungslosigkeit des Kosten-Nutzen‑Denkens unserer Gesellschaft
deutlich. Unter Hinweis auf das sicherlich ernst zu nehmende Leiden von Menschen
droht die Würde des Menschen in ihrer Bedeutung relativiert zu werden. Das
Machbare und der Erweis des Geschafften bekommt einen höheren Stellwert als
die moralisch, ‑theologisch‑ und philosophische Überlegung über die
Wahrung der menschlichen Würde. Vorsicht ist geboten, wo bei einem rasanten
Veränderungstempo in der Medizin die Würde des Menschen auf der Strecke zu
bleiben droht. Die Würde des Menschen wäre aber bei der Forschung an Stammzellen
aus dem Rückenmark eher geschützt. Nach Aussage von deutschen Medizinern ist
diese ebenfalls vielversprechend, Hierbei wird allerdings kein betroffenes
Lebewesen einer Fremdbestimmung ausgesetzt, um später sang‑ und klanglos
getötet zu werden. In einer Welt scheinbar grenzenloser Möglichkeiten ist
jedoch über das Formulieren neuer Tabus nachzudenken.
Menschen, die unter einer Krankheit leiden, schauen sehnsüchtig nach
Möglichkeiten der Heilung. Da wird manchmal auch jeder greifbare Strohalm
ergriffen. Fortschritte in der Medizin können da nur begrüßt werden. Sie haben
aber einen Pferdefuß, wenn durch sie die Würde des menschlichen Lebens ‑
auch ihres ‑ gemindert wird. Dann nutzt die beste Medizin nichts. Ein
Mensch, der wegen einer Krankheit oder Behinderung vielleicht alles aufgeben muss,
was zuvor seinem Leben Sinn und Inhalt gab, hat ein gleiches Maß an menschlicher
Würde wie ein Gesunder. Manchmal ist er gar viel reicher, wenn er einen
Zipfel an Vertrauen In die Weit, das Leben und Menschen um sich herum hat
ergreifen / ertasten können. Denn er ist dann vielleicht längst auf dem Weg,
seinen eigenen Weg zu finden, um seinem ganz individuellen Geschick zu
begegnen. Maxie Wander fand einmal diese Worte: Ich darf ein paar Tage Leben
probieren! Jeden Tropfen Leben werde ich auskosten, Leben tröpfchenweise, aber
sicherlich hab ich mehr davon als viele Menschen, die nicht wissen, was Leben eigentlich
ist. Maxie Wander hat sich ihre Würde bewahrt. Andere Menschen finden ihren
anderen eigenen Weg. Niemand und nichts sollte unbemerkt an der (gefundenen
oder erarbeiteten) Würde kratzen. Keine Beurteilung, kein gutgemeinter
Fortschritt, kein ausgeschüttetes Mitleid, bei dem die oder der andere nur
baden geht. Wenn wir mit Respekt die Würde des anderen Menschen achten, sitzen
wir ganz schnell in einem Boot, das uns alle voranbringt, vielleicht mehr noch
als jeder zu begrüßende Fortschritt in der Medizin.