Konvent von behinderten SeelsorgerInnen und BehindertenseelsorgerInnen e.V.
Übertragung und
Gegenübertragung in der Seelsorge
Ein Referat von Wolfgang Roth, Klinikseelsorger
Es ist ein strahlender Sonnentag, mir kommt im Klinikgelände in
hellem fröhlich-sommerlichem Outfit eine Psychologin entgegen. Wir freuen uns
und strahlen beide schon von weitem. „Schön, dich zu sehen“, sage ich und sie:
„Du warst eine Weile nicht da.“ „Ja, ich hatte Urlaub und vorher war ich krank,
wir haben uns wirklich lange nicht gesehen.“ Wir kennen uns seit Jahren, mögen
und schätzen uns.
Plötzlich fängt sie aus heiterem
Himmel heraus zu weinen an, entschuldigt sich: „Ich bin nicht gut drauf, vor 14
Tagen ist plötzlich mein Vater gestorben!
-
-
Eine Patientin lässt mich über die Stationsschwester einer
psychiatrischen, psychotherapeutisch orientierten, Station zu einem Gespräch
rufen. Ich gehe wenig später hin, Fr.
B. wartet schon im Gang, sie kennt mich noch von ihrem Aufenthalt in der
Tagesklinik, wo sie an einer Gruppe, die ich leite, teilnahm und war Tage zuvor
im meditativen Tagesausklang, bei dem ich Klavier spielte und Texte las.
Ich brauche eine Weile, bis ich
sie wiedererkenne. Wir gehen in ihr Zimmer, sie erzählt mir, wie ihre Angst ihr
mitunter solchen Schwindel bereite, dass sie sich sofort hinlegen müsse,
manchmal fände sie sich im Bett vor und wisse gar nicht, wie sie dahin gekommen
sei. Sie vermisse auf dieser Station
das therapeutische Gespräch, hätte in 6 Wochen erst zwei gehabt, fühle sich von
ihrer Therapeutin unverstanden und vom Pflegepersonal lächelnd stehen gelassen.
Wir reden über eine Stunde, sie erzählt
mir, wie mein Klavierspiel sie bewegt habe, weil sie an einen Mitpatienten, der
ebenfalls bei einem früheren Aufenthalt hier gespielt habe, gedacht habe. Wir
reden über ihre Therapie und ihre Defizitgefühle. Über ihre innere Unsicherheit
und Instabilität, ihre häusliche und finanzielle Situation. Am Ende geht es ihr
sichtlich gut, sie wünscht sich ein weiteres Gespräch in der kommenden Woche.
-
Vor etwa zwei Jahren bittet mich ein Patient auf einer
Entgiftungsstation zu einem Gespräch. Wir finden dafür zunächst kein geeignetes
Zimmer. Dann fällt dem Patienten die kleine Patientenbibliothek ein. Sie ist im
Container untergebracht, in den man von der Station aus durch einen Gang
gelangt, das hinterste Zimmer dort. Wir gehen wir dort hin. Es ist kalt, weil
ungeheizt, unaufgeräumt, ungebraucht. Wir rücken uns zwei Stühle zurecht, und
der Patient beginnt, wie schlecht es ihm hier gehe, wie inkompetent das ganze
Personal hier sei, dass aber seine eigentlichen Probleme hier ja sowieso nicht
behandelt werden könnten, denn die lägen außerhalb der Klinik. Man spiele ihm
übel mit, die Bullen hätten seine Waffensammlung ungerechtfertigt eingezogen,
die Scheißanwälte, die er nacheinander beauftrage, hätten bislang nichts
erreicht, nur saftige Rechnungen geschrieben, die Zähne seien ihm eingeschlagen
worden und die Nase verbogen und wie er die Operationen mit 180 000 € Schulden
wohl bezahlen solle.
Und dann fangen seine Augen an zu
funkeln, seine Gesichtszüge ziehen sich wie zu einer unheimlichen Waffe
zusammen und er sagt: „Ich bring’ sie um, ich knall sie alle ab, ich werde ihre
Kinder massakrieren, ich will diese Dreckbullenschweine leiden sehen!!“
Ich bekomme einen ganz seltsamen
Schmerz in die Magengegend, spüre
zunehmend Angst in mir wie damals, als mir eine psychotische Patientin
plötzlich ins Gesicht schlug. Ich denke: Wie konnte ich mich bloß wie ein
Anfänger in diesen abgelegenen Raum führen lassen, wie komm’ ich hier bloß heil
wieder raus?
Übertragung und
Gegenübertragung - dreimal begegnen mir Menschen, dreimal
überträgt sich etwas auf mich und ich reagiere, doch es ist, das wird
vielleicht beim ersten Hören schon deutlich, jedes Mal etwas anderes.
Übertragung ist nicht gleich Übertragung. Gegenübertragung ist nicht gleich
Gegenübertragung.
Wir haben ein Begriffspaar,
doch dies hat eine lange Geschichte mit einem markanten Bedeutungswandel und
einer zu bedenkenden Bedeutungsfülle.
Auf die drei Fallvignetten komme
ich später noch einmal zurück, zunächst
will ich mich jedoch den Begriffen, ihren Kontexten und ihrer Geschichte
widmen.
Nach der psychoanalytisch –
therapeutischen Darstellung der Übertragungskonzepte will ich dann nach der
spirituellen Dimension als Horizont
christlicher Seelsorge fragen und Bibeltexte lesen.
Zunächst zu den Begriffen in
ihrer geschichtlichen Entwicklung:
Übertragung und Gegenübertragung
ist ein Begriffspaar aus dem therapeutischen, genauer dem psychotherapeutischen
und dort aus dem tiefenpsychologisch analytischen Sprachgebrauch.
In seinen Studien über Hysterie
schreibt Freud 1895: „Die Übertragung auf den Arzt geschieht durch falsche
Verknüpfung“. Freud sah in dem beobachteten Phänomen der Übertragung zunächst
eine Realitätsverzerrung des Patienten/der Patientin, die zu einer
Beziehungsstörung in der Analyse führe. Denn er/sie behandle den Analytiker so,
wie wenn er eine der großen Figuren seiner/ihrer Kindheit wäre.
Unter Gegenübertragung verstand
Freud zunächst die eigene Übertragung des Analytikers auf sein Gegenüber, wie
wenn dieser Mensch seinerseits nun auch eine Gestalt aus der Vergangenheit des Analytikers wäre. So mag zum
Beispiel ein unbewusstes Respektgefühl einem Patienten gegenüber damit
zusammenhängen, dass er selbst in der Begegnung Gefühle entwickle, die ganz
ähnlich seien wie die Empfindungen, die er als Kind seinem Vater gegenüber
erlebt habe. Er weiß das nicht. Aber er verhält sich anders, seine
Formulierungen sind vorsichtiger als bei anderen Patienten.
In diesen ersten Jahren war es
Freuds Anliegen, diese Art der Gegenübertragung bewusst zu machen, sie zu
isolieren und damit möglichst aus der Behandlung heraushalten zu können, weil
sie den therapeutischen Prozess störe. So entstand die Kontroll-Analyse, später
die Lehranalyse: Der Therapeut habe sich mit seinen eigenen Komplexen und
Konflikten erst selbst zu beschäftigen, bevor er sich, seiner selbst bewusst,
Patienten zuwenden könne.
Freud verstand die Aufgabe des
Analytikers, wie ein „reflektierender Spiegel“ oder ein „gefühlskalter Chirurg“
in distanzierter Neutralität und Abstinenz, rein wissenschaftlich beobachtend
dem Patienten zur Verfügung zur stehen. Seine eigene Person, seine Geschichte
mit ihren Themen spielten dabei keine Rolle.
Seine Nachfolger haben das in dem
bekannten klassischen analytischen Setting ( Couch, hohe Frequenz, mehrjährige
Dauer, viel Schweigen des Analytikers) in den ersten Jahrzehnten der Methode
rigidisiert und dogmatisiert. Aus
Berichten über Freuds Behandlungspraxis wissen wir allerdings, dass er (wie
dann auch Jung) viel weniger streng und orthodox vorging und sich als Person
doch in die Beziehung einbrachte.
C.G. Jung setzt sich in seiner
„Psychologie der Übertragung“, 1946,
mit Freud auseinander und
entwickelt ein eigenes Konzept, wonach die Gegenübertragung des Arztes bedeute,
sich von der Übertragung des Patienten infizieren zu lassen. Er schreibt:
„durch die Gestalt der Übertragung
ändert sich die seelische Gestalt des Arztes, ihm selber zunächst unbemerkt: er
wird affiziert,...“
An anderer Stelle dieser Schrift
heißt es: Mit „der unbewussten
Infektion ist eine nicht zu unterschätzende therapeutische Möglichkeit gegeben,
indem nämlich die Übertragung der Krankheit auf den sieBehandelnden
sich vollzieht“. Schon bei Jung findet sich also eine Sicht der Übertragung,
die dann von Melanie Klein, Winnicott und Bion
entscheidend weiterentwickelt werden wird. Auf Jung und Bion werde ich noch genauer eingehen.
Begriffsdefinitionen
Wenn man nun in der
therapeutischen Literatur nach Zusammenfassungen, nach Definitionen zu Übertragung und
Gegenübertragung sucht, findet man ( in einer kleinen Auswahl) etwa folgende:
Brunnhuber und Lieb fassen in
ihrem Kurzlehrbuch Psychiatrie, 4. Auflage 2000, zusammen:
“Übertragung – Nicht verarbeitete Konflikte aufgrund frühkindlicher
Erlebnisse und Traumen werden in der therapeutischen Allianz aufs neue
aktualisiert. Die Übertragung als Wiederholung dieser Konflikte ist ein nicht
zeit- und situationsgerechtes Verhalten und Erleben. Als therapeutisches Instrumentarium gewährt es dem Analytiker
Einblick in die Konfliktsituation des Klienten. Übertragungen sind ein ubiquitäres
Phänomenund kommen in jedem Sprechakt vor....
Gegenübertragung – Sie
bezeichnet die neurotischen Anteile des Psychoanalytikers. Es sind die
„blinden“ Flecken und Widerstände, die persönlichen Anteile des Therapeuten,
welche durch die Reaktionen des Patienten hervorgerufen werden und den
Therapieverlauf negativ beeinflussen. In einer umfassenderen Betrachtung
beschreibt die Gegenübertragung die Gefühle und Impulse des Analytikers auf den
Patienten. Die Ausbildung und Selbsterfahrung des Analytikers sollen diese
Anteile bewusst werden lassen.“
Deutlich wird hier vom frühen
Freud ausgegangen, die weitere Entwicklung des Begriffspaares zum relationalen
Modell wird nicht mitvollzogen oder ist auch nicht bekannt.
Michael Ermann schreibt in seiner
„Psychotherapeutischen und psychosomatischen Medizin“, 3. Auflage 1999,
„Die Arzt-Patient-Beziehung -
und im Prinzip auch alle anderen Beziehungen in der Medizin - haben
neben der sozialen eine innerseelische, psychodynamische Dimension. Sie
beruht darauf, dass das Selbsterleben als Kranker mit äußeren und inneren
Konflikten verbunden ist, mit Ängsten, Phantasien, Reaktivierungen
traumatischer Erlebnisse und mit dem Zustand physischer und psychischer
Schutzlosigkeit. Dadurch werden Abhängigkeitsbedürfnisse lebendig, die ähnlich
sind wie das Abhängigkeitserleben der frühen Entwicklungsjahre der Kindheit.
Diese „Rückkehr“ in entwicklungsmäßig überholte Erlebnis- und Verhaltensweisen
wird als Regression bezeichnet.“
An anderer Stelle:
„Übertragung ist also die
Manifestation der Regression in einer Beziehung.“
„Das Gegenstück zur Übertragung in
der Analyse ist die antwortende Reaktion des Analytikers. Sie wird als Gegenübertragung
bezeichnet.“
Ermann unterscheidet nun drei
Kategorien von Übertragung,
Übertragung auf höherem
Strukturniveau: Die klassischeÜbertragung Übertragung auf
mittlerem Strukturniveau: Narzisstische Übertragungen und
Übertragungen auf niederem
Strukturniveau: Borderline-Übertragungen.
Alle drei Übertragungsarten
begegnen uns auch in der Seelsorge, darum ist es gut, wenn wir sie kennen.
In der klassischen Übertragung
werden Erfahrungen mit Menschen aus dem früheren Leben auf aktuelle Beziehungen
übertragen. (Vater-, Mutter-, Geschwisterübertragungen...). Es ist die reifste
Form der Übertragung und wird im Feld der klassischen Neurosen beobachtet.
Für narzisstische Patienten sind
andere Übertragungsformen typisch. Sie neigen dazu, ihr Gegenüber als Selbstobjekt
zu verwenden. Sie idealisieren, solange man eine stützende Funktion erfüllt;
sie entwerten, sobald sie enttäuscht werden. Man spricht von idealisierender
oder entwertender Elternübertragung.
In einer Unterform der
narzisstischen Übertragung, der Selbst-Übertragung werden Aspekte der eigenen Person auf andere
übertragen, gemeint sind Erlebnisweisen, die der Patient selbst in früheren Beziehungen
gehabt hat: z.B. Depressionen, Größenphantasien oder Wutgefühle. Damit
entstehen beim Gegenüber konkordante Gegenübertragungsphänomene.
Bei der Borderline-Übertragung
übertragen sich Teilaspekte aus der frühen Individuationsentwicklung eines Menschen,
oft radikal gespalten in absolut gut oder absolut schlecht. Die Irritation ist,
dass man wechselnd beides vom Patienten in sich spürt und entsprechend
reagiert.
Noch einmal zur Gegenübertragung.
Ermann fasst zusammen:
„Gegenübertragungen beruhen auf
der unbewussten Identifikation des Analytikers mit den Übertragungsangeboten
des Analysanden. Die Übertragungsphantasie und die Reaktion des Partners bilden
also eine funktionale Einheit wie Schlüssel und Schloss. Es entsteht ein
unbewusstes Wechselspiel von
Übertragung und Gegenübertragung. Die bewussten Einstellungen des
Analytikers zum Analysanden sind dabei ein Abkömmling der Gegenübertragung; die
Gegenübertragung selbst ist aber unbewusst und muss aus dem Verlauf heraus
indirekt erschlossen werden.“
Das Wechselspiel von Übertragung
und Gegenübertragung prägt jede Art menschlicher Beziehung. Also auch die
seelsorgerliche. Wir tun abschließend zu diesem erklärend definitiven Abschnitt
gut daran, noch drei Begriffe zur Kenntnis zu nehmen:
- „Komplementäre
Gegenübertragung: Sie ist ein
Abbild der unbewussten Phantasien, die der Patient seinen inneren Objekten
(Beziehungspersonen) zuschreibt, ..., Der Analytiker kann sich sadistisch
fühlen wie der unbewusste sadistische Elternteil des Patienten;
- Konkordante Gegenübertragung:
Sie ist ein Abbild der (unbewussten) Gefühlssituation des Analysanden, d.h.
eine Reaktion auf eine Übertragung von Selbstaspekten. ...“ Der Analytiker
erlebt sich dann z.B. leer oder depressiv.
-„Gegenübertragungswiderstand: Der Analytiker wehrt sich dagegen, die
Übertragungsangebote des Analysanden in sich aufzunehmen und in seinem Innern
zum Klingen kommen zu lassen; er spürt dann z.B. Wut, mit der er sich gegen die
Depression des Patienten in sich selber wehrt.“
Das alles klingt sehr kompliziert
und ist es auch. Entstanden aus Freuds
Grundbedürfnis, eine wissenschaftlich reflektierte Kunst desZuhörens
zu entwickeln hat sich die Übertragung auf einen weiten Weg gemacht: Von
der Regression über den Abwehrmechanismus der Verschiebung zur Projektion, vom
einseitig auf den Analytiker als Projektionsfläche verstandenen Vorgang hin zu
einem erweiterten Konzept. Die Interaktion zwischen Therapeut und
Patient gewinnt zunehmend Bedeutung, der spiegelnde wird zum aktiven
Analytiker, dessen Persönlichkeit, Werte, Kommunikation den Prozess
entscheidend mitbestimmen.
Das sogenannte endopsychische
Konzept der Übertragung wird fortentwickelt zum sogenannten relationalen
Modell der Psychoanalyse. Als neue Metatheorie steht die sozial-konstruktivistische
Sichtweise im Hintergrund. Darnach wird der Mensch geformt und ist einbettet in
eine Matrix von Beziehungen mit anderen. Alle Übertragungs- wie auch
Gegenübertragungsreaktionen sind im aktuellen relationalen Feld begründet.
Beide, Analytiker wie Patient, sind aktive Teilnehmer an der analytischen
Situation und schaffen diese gemeinsam bewusst wie unbewusst. Der Fokus ist das
Hier und Jetzt der Situation. Ziel ist nicht primär das Erinnern alter Traumata
und pathologischer Konflikte, sondern das Ermöglichen einer neuen Erfahrung von
Lebendigkeit, die von alten und reaktivierten Fesseln zu befreien ist.
Roland Müller beschreibt diese
Entwicklung sehr spannend in Theorie und Praxis in seinem Aufsatz
„Psychoanalytische Therapie heute – Auf dem Weg zu neuen Konzeptionen ihrer
Praxis“, erstveröffentlich 1998.
Die pastoralpsychologische
Aufnahme des Übertragungsdiskurses
Nach diesem knappen aber nötigen
Einblick in die therapeutische Welt der Psychoanalyse, die sich wie andere
Therapieverfahren auch, zu einer modernen Konfliktverarbeitungstherapie in
Beziehung entwickelt hat, will ich mich auf den Weg zu unserer eigenen
Profession machen. Hier ist das Thema Übertragung und Gegenübertragung
natürlich im pastoralpsychologischen Diskurs literarisch mit wenigen,
aber guten bis sehr guten und ausführlichen Beiträgen vertreten. Ich nenne vier
und konzentriere mich auf drei : Joachim Scharfenberg ist mit seinem 1972
erschienen „Seelsorge als Gespräch“ der Klassiker. Wir haben das Buch als
Studenten in Tübingen nach seinem Erscheinen geradezu verschlungen. Seelsorge
kam in Bewegung, die Seelsorgebewegung kam in Deutschland an, Scharfenberg,
Theologe und Freud’scher Analytiker, weckte in uns ein Interesse und eine
Begeisterung, die bei vielen bis heute anhält.
Mit zwei Enkeln sozusagen will ich
mich näher befassen, bevor ich dann anschließend im Blick auf mein erstes
Fallbeispiel auch den dritten erwähne.
Zunächst zu einer Jung’schen
Analytikerin und Theologin, dann zu einem Krankenhauspfarrer mit analytischer
Ausbildung und zuletzt zu einem Kollegen, der aus der Klinischen
Seelsorgeausbildung kommt.
Franziska Müller-Rosenau
veröffentlicht „Erkundungen zur Gegenübertragung in Psychoanalyse und
Seelsorge“ unter dem Titel „Verwundeter Heiler oder zerstörter Raum“.
Die Erfahrung von Übertragung und
Gegenübertragung erlebt sie in dem, was sie „Verwicklungsstunden“ nennt. Sie
stellt solche Stunden aus ihrer therapeutischen Praxis vor und resümiert:
„ - Vom Therapeuten und Patienten werden parallel odergleichzeitig
sehr heftige Affekte (wie Wut, Gekränkt- und Verletztsein, Enttäuschung, Angst,
Hilflosigkeit, Abhängigkeit und Ohnmacht etc.)erlebt.
- Es entsteht ein hoher interaktioneller Druck: es soll
gehandelt, nicht mehr nur gesprochen werden.
- Eine notwendige Distanz des Therapeuten zum Geschehen geht
verloren, die therapeutischen Denkfunktionen scheinen außer Kraft gesetzt, der
Zweifel an der eigenen therapeutischen Kompetenz wird übermächtig.
- Im Therapeuten breiten sich heftige Gegenübertragungsgefühle
aus: er erlebt sich wie gelähmt, überfordert, überlastet und überschwemmt, wie
von etwas angesteckt oder verwundet.“
In allen vier Punkten - dem Gefühlssturm, dem Handlungsdruck, dem
Zweifel an der Kompetenz, dem Überschwemmt werden – finde ich mich auch als Seelsorger
wieder. Das alles widerfährt mir immer wieder auch in meiner täglichen
Gesprächspraxis. Übertragung und Gegenübertragung ist kein Artefakt der
Psychotherapie. Die Beschäftigung mit Erkenntnissen dort kann freilich helfen,
auch seelsorgerliche Erfahrungen zu verstehen und zu verkraften.
Ein Verstehensmodell ist C.G.
Jung’s Heilungsarchetyp „Verwundeter Heiler“
Jung geht davon aus, dass Heilung
ein Prozess ist, der sich wesentlich in der Begegnung zweier Unbewusste
abspielt und dabei Arzt und Patient gleichermaßen ergreift.
Müller - Rosenau: „Arzt und
Patient sind das archetypische Paar, und jeder trägt beide Pole des
Heilungsarchetyps in sich. Der Patient ist auch Arzt, angewiesen auf
seinen inneren Heiler, der die Heilung will. Und der Arzt ist auch
Kranker, insofern er selbst auch verwundet und schwach ist“
Durch Lehranalyse und
Selbsterfahrung bekomme der Arzt Kontakt zu seiner eigenen Verwundung. So sei
es dem Patienten möglich, sich weiterzuentwickeln und seinen inneren Heiler zu
finden.
Ist der verwundete Heiler deshalb
hilfreich, weil er selbst Leid und Schmerz in seinem eigenen Leben kennt oder
ist er verwundet und hilfreich, weil er sich im Kontakt mit dem Gegenüber durch
dessen Leid und Schmerz verwunden, sozusagen mitverwunden lässt? Geht es um die
eigene Verwundung oder wird die Verwundung vom Patienten im Heiler
gewissermaßen deponiert, damit der Therapeut, Analytiker oder Seelsorger die
Verwundung stellvertretend erträgt, beherbergt und für den Patienten erträglich
macht?
Diese Fragen führen automatisch
weiter zu einer nächsten Etappe auf dem Entwicklungsweg der Übertragung und wir
gelangen zu Melanie Klein und Wilfried Bion und ihren Konzepten der
„projektiven Identifizierung“ (Klein, 1946) und der Neudefinition des Konzeptes
in Container-Contained (Bion,1962).
Schlimme, unerträgliche Gefühle
oder Anteile werden nicht nur auf, sondern in das Gegenüber projiziert,
Dort kann es bekämpft werden, das Opfer wird nicht selten zum Täter und verhält
sich entsprechend der Projektion.
Verkürzt gesagt heißt Containing
nach Bion: Gefühle, die unerträglich, unerlebt, unverdaut sind, werden vom
Patienten abgespalten und in den Therapeuten hineingelegt. Sie liegen dann
dort, werden dort gehalten, an-verdaut, verwandelt, entgiftet und in
verdaulicher Form dem Patienten zurückgegeben, der sie dann
annehmen und weiterbearbeiten kann.
Das ist eine ungeheure Arbeit, die
auf uns zukommen kann, wenn wir Menschen begegnen in der Seelsorge, die ihre
Gefühle und Themen selbst nicht verkraften und sie dann im Gespräch uns derart
„übertragen“, dass wir dann selbst den inneren Stress des Gegenübers in uns
tragen und bewältigen müssen, in uns - und dann auch in der Auseinandersetzung
mit unserem Gegenüber.
Wolfgang Wiedemann hat ein
faszinierendes Buch darüber geschrieben. Sein irritierender Titel:
„Krankenhausseelsorge und verrückte Reaktionen – Das Heilsame an psychotischer
Konfliktbewältigung“. Es hat nichts mit Psychiatrieseelsorge zu tun, sondern
ist eine umfassende Aufarbeitung der angelsächsischen Psychoanalysekultur aus
Originaltexten. Und eine Übersetzung in unseren Alltag als Seelsorgerinnen und
Seelsorger, gleich wo wir unseren Dienst tun. Es sensibilisiert für die
diversen Übertragungs- und Gegenübertragungsphänomene auf hohem Niveau. Und ist
konkrete Hilfe für unsere tiefste Praxis.
In seiner Eingangsbeschreibung:
„Das dritte Auge – Die Gegenübertragung“
schreibt Wiedemann:
„Der erste ist der Gesichtspunkt
der Außenwahrnehmung. Ich nehme wahr, was passiert: wie die Patienten aussehen,
was sie sagen, was sie nicht sagen, wie sie schauen, wie sie sich bewegen, ob
sie sitzen oder stehen, wer sie begleitet, - aber auch, was ich sage oder tue.
Der zweite ist der Gesichtspunkt
der Innenwahrnehmung. Ich nehme wahr, was ich denke, was ich vergesse, welche
Idee, Phantasie, Erinnerung mir in den Sinn kommt, ob ich mich wohl fühle oder
verspannt bin, meine Stimme lauter wird oder leise, fest bleibt oder brüchig
wird, welche Stimmung und Laune aufkommt, wo es zwickt oder schmerzt, ob mir
zum Lachen oder Weinen zumute ist, ob ich mich ärgere oder gern noch länger mit
dem Patienten unterhalten möchte, ob ich mich festgehalten fühle oder
abgewiesen.
Und dann verbinde ich beide
Gesichtspunkte, die Außenwahrnehmung und in die Innenwahrnehmung – in der
Annahme, dass beide etwas miteinander zu tun haben. Die aggressive Stimme
meines Gesprächspartners weckt in mir Ärger, Angst oder Abwehr oder der Patient
erzählt, wie er mit seiner Krankheit bisher fertig geworden ist, und ich
empfinde Respekt und Bewunderung oder spüre plötzlich Hoffnungslosigkeit und
Trauer.
Diese Verbindung von Außen- und
Innenwahrnehmung wird in der psychoanalytischen Diskussion als
‚Gegenübertragung’ bezeichnet. Ich benütze diesen Begriff als Abkürzung für das
Zusammenspiel von Außen- und Innenwahrnehmung und meine Reaktionen darauf.“
So einfach und so wirkungsvoll
kann man das beschreiben, was man höchst differenziert verstehen kann.
Die Erkenntnisse aus Beobachtung
und Reflexion gemachter Seelsorgeerfahrungen können sein:
- „Ich erlebe körperliche Reaktionen
- Ich bin Auslöser und existiere nicht als Person
- Etwas wird mit mir gemacht, und ich muss es mit mir geschehen
lassen: Ich komme da nicht raus
- Etwas wird mit mir gemacht, sodass ich tue, was ich nicht
will“
- Ich stottere sprachlos
Aber auch:
- „Geglücktes Containing
- Das Rauschgefühl der Dankbarkeit
- Patienten verlangen später wieder nach mir – oder auch nicht“
„Durch seine Wunden sind wir
geheilt“ – „Alle eure Sorgen werfet auf ihn!“
Der „verwundete Heiler“ und die
spirituelle Dimension als Übertragungshorizont in der Seelsorge
Für uns Seelsorgerinnen und
Seelsorger ist es entlastend und hilfreich, dass es außerhalb unserer wie immer
verwickelten Zweier- oder Gruppenkontakte ein Drittes gibt: die
religiös-spirituelle Dimension, den Glaubenshorizont, auf den wir uns beziehen,
in dem wir uns geborgen wissen, Gott und den verwundeten Heiler Jesus Christus,
an den wir im Glauben , im Gebet unseren Gesprächspartner wie uns selbst immer
wieder auch abgeben können. Auf ihn können wir „übertragen“, was uns zuviel
wird und es dann auch wieder zurücknehmen, wenn wir uns dazu wieder in der Lage
fühlen. Dies bewahrt uns vor der narzisstischen Gefahr, uns durch ständige
Überforderung zu übernehmen.
Es ist spannend zu erfahren, dass
auch im säkularen Raum der Therapie etwas Ähnliches gebraucht und gedacht
wurde. Schon Freud vermerkte 1912 in
seinen „Ratschlägen“: „Je le pansai,
Dieu le guérit“ („Ich versorgte seine Wunden, Gott hat ihn geheilt“) und er
ergänzte lapidar: „Mit etwas Ähnlichem sollte sich der Analytiker zufrieden
geben.“
Hans Thomä nun prägt in seinem Aufsatz „Vom spiegelnden zum
aktiven Psychoanalytiker“ in seinen Schriften zur Praxis der Psychoanalyse,
1981, einen Begriff, der auch uns in dem Zusammenhang zu denken gibt: den „exterritorialen Haltepunkt“. „Von eh und je
bedurfte es für beide Beteiligte eines sozusagen exterritorialen Haltepunktes
außerhalb des übertragungsneurotischen Kampfplatzes“.
Müller-Rosenau markiert dazu eine
wichtige Akzentverschiebung:
“im Mittelpunkt des Interesses steht nicht mehr länger die Frage nach dem
‚verwundeten Heiler’, und das bedeutet: im Zentrum steht nicht mehr so sehr die
Person des Analytikers oder der Analytikerin ....., sondern ein imaginärer
Raum, der sich zwischen Patient, Analytiker und einem ‚exterritorialen
Haltepunkt’ aufspannt.“
Im Anschluss an H. Raguse nennt
Müller-Rosenau dies den triangulären Raum und fragt, ob in der Weiterentwicklung des Motivs vom
„verwundeten Heiler“ heute nicht eher vom „zerstörten triangulären Raum“
geredet werden müsse.
Für die Praxis der Seelsorge
entstünden dann folgende Fragen: Habe ich Zugang zu den Symbolen meiner
Glaubenstraditionen, kann ich die Lebenssituationen mit deren Hilfe deuten?
Habe ich persönlich Zugang zur
entlastend – heilsamen spirituellen
Dimension, kann ich dort abgeben und auftanken?
„Übertragung“ im biblisch –
theologischen Horizont
Für unser seelsorgerliches
Selbstverständnis ist es weiterführend, wenn wir uns der biblischen Quellen des
archetypischen Modells des „verwundeten Heilers“ erinnern.
Im archaischen Sündenbock –
Ritual wird in Levitikus 16,21f. ausführlich beschrieben: Am „Jom Kippur“,
dem großen Versöhnungstag „soll Aaron (der Priester) seine beiden Hände auf den Kopf des Bockes legen und über ihm
bekennen alle Missetaten der Kinder Israel und alle Übertretungen, mit denen
sie sich versündigt haben, und soll sie dem Bock auf den Kopf legen und ihn
durch einen Mann, der bereitsteht, in die Wüste bringen lassen, dass also der
Bock alle ihre Missetat auf sich nehme und in die Wildnis trage; und man lasse
ihn in der Wüste“.
Hier spiegeln sich Mechanismen
wider, wie schon seit der frühsten Menschheitsgeschichte das Kollektiv
Konflikte, Spannungen, Schuldgefühle und Schuld abführen und bewältigen konnte.
Täter übertrugen einem Opfer alles, was belastete, machten es damit zum
(Ersatz)Täter und waren somit frei.
Ähnliches geschieht auch in dem
bekannten vierten Gottesknechtslied Jesaja 52 und 53. Dort heißt es:
„Er war der Allerverachtetste und
Unwerteste, vor Schmerzen und Krankheit. Er war so verachtet, dass man sein
Angesicht vor ihm verbarg; darum haben wir ihn für nichts geachtet.
Führwahr, er trug unsere Krankheit
und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der von Gott
geschlagen und gemartert wäre.
Aber er ist um unserer Missetat
willen verwundet und um unserer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf
ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.
Wir gingen alle in die Irre wie
Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg. Aber der Herr warf unser aller Sünde auf
ihn.“
Eine Sprechergruppe betrachtet da
den Gottesknecht und schildert sein Elend und seine soziale Isolation, um dann
plötzlich mit einem erschrockenen „Führwahr!“ innezuhalten und die eigene
projektive Abwehr zu erkennen. Die Projektion wird in diesem Erkennen
zurückgenommen und damit der
Mechanismus der Gewalt, der destruktiven Abhängigkeit und Schuld aufgebrochen,
sodass es nicht erneut zur Gewalt kommen muss.
Nach Jes. 53,6 ist es allerdings
Gott selbst, der dem Knecht das Leid aufbürdet, und er ist zugleich der, der
seinem Knecht doch Recht gibt. Die ganze Zerrissenheit des Gottesbildes kommt
hier zum Ausdruck: seine unbegreiflichen, dunklen, grausamen Seiten ebenso wie
jene, wo Gott sich selbst verwunden lässt und leidet, uns zugut. 1. Petr. 2,24 nimmt dies auf und bezieht es
auf Jesus.
Übrigens entspricht dieses
doppelte Gottesbild ganz der vorher deutlich gewordenen Ambivalenz der
Betrachter.
Eine besondere Form der „Übertragung“ finden wir in Matth. 27,32,
wonach Jesus sein untragbar gewordenes Kreuz Simon von Kyrene übertragen kann,
der dann stellvertretend für ihn den Weg geht.
Sowohl das Gottesknechtslied aus
Jes 52/53 wie auch die Berichte der Evangelien über die Passion Jesu laden
zur doppelten Identifikation ein.
Einmal mit der Täterseite, mit denen, die projektiv dem Gottesknecht das
aufluden, was unerträglich war, ihn verwundeten und ausstießen, dann aber auch mit dem Opfer, dem verwundeten Heiler, mit Jesus selbst.
Wer also diese Texte hört, wird an
Eigenes aus der Lebensgeschichte erinnert werden, sich angesprochen fühlen und so ermuntert, auf einer Symbolebene,
Lebensthemen und –abschnitte neu zu inszenieren.
Diese Ebene kann für uns der
„exterritoriale Haltepunkt“ in den anstrengenden Gesprächsverwicklungen
sein. „Auf diese Weise wird in der Seelsorge der trianguläre Raum einer
Symbolisierung aufgespannt zwischen Ratsuchendem, SeelsorgerIn und dem anwesend
– abwesenden ‚verwundeten Heiler’: Christus.“ (Müller – Rosenau). Möglichkeit und Ziel der Seelsorge ist das
Miteinbeziehen der spirituellen
Dimension mit ihrem Deuteangebot der christlichen Symbolwelt, um sich davon
anregen zu lassen, nach einer Neuorientierung des eigenen Lebens zu fragen.
Wichtig für uns ist, dass dieser
Raum und unser eigener Zugang zu ihm in unserer Arbeit nicht unter- und
verloren geht. Sonst stehen wir in der Gefahr, in den
Gegenübertragungsverwicklungen, dem Involviert- und Verstricktsein, uns ganz
mit dem Gesprächspartner zu identifizieren.
Eine wohl geringere, aber immerhin
auch eine Gefahr, könnte uns drohen, wenn wir uns auf der anderen Seite mit dem
„verwundeten Heiler“ als Ideal pastoralen Handelns identifizierten.
Bevor ich gleich noch einmal auf
die drei Eingangsbeispiele eingehe und sie auf die Gestalt der jeweiligen
Übertragung und Gegenübertragung hin befrage, will ich abschließend noch
die therapeutisch nicht reflektierte
aber dennoch pastoral – psychologisch sehr fundierte Sicht Reinhold Gestrichs
erwähnen. Sein Buch „Am Krankenbett“ (1987)
eröffnet er mit dem ersten Kapitel „Zu den geistlichen Grundlagen der
Krankenseelsorge“ und formuliert als erstes Unterkapitel darin: „Wie die
seelsorgerliche Aufgabe im Krankenhaus ‚übertragen’ wird“.
An Gesprächsbeispielen arbeitet
Gestrich die darin ‚übertragenen’ Erwartungen und Rollen heraus, mit
denen wir jeweils beauftragt werden können. Als religiöse Symbolfigur
kann auf uns z.B. die Rolle des Hirten, des Vaters, des Heilers, des Trösters,
des Richters, des Todesvogels, des Begleiters übertragen werden.
Die Übertragung selbst wird nicht
interpretiert, ihr Inhalt wird als Brücke zum Gespräch verstanden. Wobei
Gestrich selbstverständlich auch erwähnt, dass wir die jeweiligen Reaktionen in
uns auf die gespürten Rollenerwartungen wahrnehmen sollen.
Ganz zum Schluss nun ein paar kurze Bemerkungen zu den drei Eingangsbeispielen:
-
Die zunächst heitere, dann unvermittelt weinende Psychologin, die mich
unterwegs trifft, sieht mich, den Klinikseelsorger, zu dem eine gute
Arbeitsbeziehung besteht, und zugleich erkennt ihre trauernde Seele den
Pfarrer, den Tröster, den Geistlichen, den Stellvertreter Gottes hier, des
Gottes, zu dem ihr Vater so unvermittelt fortgegangen ist. Ihre kurze
Mitteilung überträgt diesen Rollen ihre Information, an der ein starkes Gefühl,
Trauer, hängt. Eine kurze Begegnung
und (Rollen)Übertragung unterwegs.
-
Die Patientin mit der Depressions- und Angstsymptomatik überträgt
Verschiedenes auf mich: Ich löse heftige Gefühle und Erinnerungen durch mein
Klavierspiel bei der Abendandacht aus, ein Stück von der Nähe und Bewunderung,
die einmal einem Mitpatienten galt, öffnet ihr Wege zu mir. Ich singe aus dem neuen Liederbuch und sie
entdeckt dabei „ihr“ Lied, Nr. 88 dort.
Da ist von Wind, den man nicht sehen kann, von Trost und Licht, von Geist und
Angst die Rede. Sie erbittet ein Liederbuch, schreibt den Text ab, lernt ihn
auswendig, all ihr spirituelles Bedürfnis wird erfüllt.
Sie beschwert sich über das Niveau
der Behandlung hier, ich erlebe die Erwartung, dass ich aber bitte keine solche
Niete für sie sei wie das restliche Personal hier.
In meiner Gegenübertragung tut mir
natürlich die Bewunderung gut, ich gebe gern auch geistliche Nahrung und im
Gespräch fühle ich selbstverständlich all den defizitären Therapeutinnen,
Schwestern und Pflegern haushoch überlegen. Die Folge davon ist, dass ich
fünfviertel Stunden bei ihr bleibe und gleich einen weiteren Termin vereinbare.
Sie verarbeitet und überträgt
neurotisch, macht mich zum besseren Therapeuten und idealen Pfarrer, ihr und
mir tut das gut.
Als ich mich anschließend im
Dienstzimmer verabschiede, sagt eine Schwester anerkennend und verwundert: „Na,
Du warst ja ziemlich lang bei Frau B.!“ Ich darauf: „Ja, ich hab’ ja sonst
nichts zu tun!“ Wir lachen beide irgendwie wissend.
-
Herr D. im dritten Beispiel braucht und benutzt mich ganz anders. Hier
ereignet sich das, was W. Wiedemann psychotische Übertragung oder psychotische
Konfliktverarbeitung nennt. Herr D. überträgt psychotisch, obwohl er gar nicht
psychotisch im psychiatrischen Verständnis ist. Er spricht mich grundsätzlich
und im Gespräch mehrfach mit „Herr Pfarrer“ an. Er geht mit mir in den
Container neben der Station und macht mich dort zu einem solchen, in den er
lauthals und bedrohlich seine ganze unerträgliche Wut deponieren muss. Er leidet
an einem Bündel schwerer Persönlichkeitsstörungen und überträgt, überträgt auf
einem niedrigen Strukturnieveau, indem er einfach all das Schlimme in sich in
mich hineinschreit.
In meiner Gegenübertragung meldet
sich Angst, ich fühle mich bedroht, weiß nicht, wie ich da raus komme, agiere,
um die Situation und mich zu retten und begreife im nachträglichen
Reflektieren: genau das ist es, was
seine Seele meiner übergibt: Seine Angst, seine
Hoffnungslosigkeit, seine Perspektivlosigkeit, heil aus seinen Konflikten
heraus zu kommen.
Ich begleite diesen Patienten,
meist ambulant, indem ich zu ihm nach Hause fahre, nun zwei Jahre lang. Jedes
Treffen bietet ihm die Gelegenheit, sein Inneres, seine Hölle, vor dem „Herrn
Pfarrer“ zu inszenieren, in mich seine Angst und Ohnmacht so einzulagern, dass
ich selbst Angst und Ohnmacht werde. Ich tue Dinge, die ich nicht will, lass
mich wie einen Betreuer ausnutzen, obwohl er meinen Vorschlag eines offiziellen
Betreuers aggressiv von sich weist. Ich habe massive Schuldgefühle, wenn er
sich auf seine Bitte, ihn zurückzurufen, nicht meldet, weil ich seinen Suizid
befürchte.
Eine Bearbeitung seiner Themen in
Richtung Erkenntnis und Veränderung seiner Lage prallt immer wieder an seiner
Art von Kränkung ab, die ihn nur überleben lässt, indem er spaltet und mich als
Container benutzt. Was ich ihm an-verdaut aus mir zurückgebe, bringt, kaum
wahrnehmbar, milimeterweise im Zeitlupentempo kleine Verwandlung. Zumindest:
Solange er mit mir im Kontakt ist und seinen grandiosen Abgang als
Suzid-Massaker vor mir inszeniert, muss er ihn nicht in die verdammte Realität
umsetzen, mit der er nicht zurechtkommt.
Ich bin nach jedem Gespräch
erledigt, ängstlich, fühle mich inkompetent, hoffungslos. Ich pflege mit ihm
unser Ritual, dass ich ihm, der von 67 € im Monat lebt, was zu essen bringe,
mit ihm esse und er „dem Anlass gemäß“ eine geschenkte Kirchenkerze anzündet im
völlig versifften Zimmer, bei heruntergelassenen Fensterläden und einer
freischwebenden Glühbirne, die brennt und ein schummeriges Licht bringt. – Von
Zeit zu Zeit spreche ich mit einem ehemaligen Therapeuten von ihm, um mit ihm
meine Ohnmacht, meine Zweifel und
Ängste zu teilen.
Übertragung und Gegenübertragung –
ein weites Feld. Und so unterschiedlich.
Ich möchte Ihnen Mut machen, sich darin zu entdecken!
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Literaturempfehlung:
Wolfgang Wiedemann,
Krankenhausseelsorge und verrückte Reaktionen – Das Heilsame an psychotischer
Konfliktbewältigung,
Göttingen 1996
Franziska Müller-Rosenau, „Verwundeter Heiler oder „zerstörter Raum“.
Erkundungen zur Gegenübertragung in Psychoanalyse und Seelsorge, in:
Transformationen , Pastoralpsychologische Werkstattberichte, Heft 3,
München 2003
Reinhold Gestrich, Am Krankenbett, Stuttgart 1987
Joachim Scharfenberg, Seelsorge als Gespräch, Göttingen , 2.
Auflage 1974
Michael Ermann, Psychotherapeutische und psychosomatische
Medizin, Stuttgart , 3. Auflage 1999
Siegried Bettighofer, Übertragung und Gegenübertragung im
therapeutischen Prozess,
Stuttgart, 3. Auflage 2004
Roland Müller, Psychoanalytische Therapie heute
Auf dem Weg zu neuen Konzeptionen
ihrer Praxis
E-Journal des DPI 16/09/00
Fachtexte zur Entwicklung von
Psychotherapie in Theorie und Praxis,