Konvent von behinderten SeelsorgerInnen und BehindertenseelsorgerInnen e.V.
Heilung des Aussätzigen
Eine Predigt über Markus 1, 40-45 von Pfarrerin Veronika Zippert im Herbst 1998
Liebe Gemeinde,
Der Predigtabschnitt für heute steht im Markus Evangelium
am Ende des ersten Kapitels:
Und es kam zu ihm ein
Aussätziger, der bat ihn, kniete nieder und sprach zu ihm: Willst du, so kannst
du mich reinigen. Und es jammerte Jesus, und er streckte die Hand aus, rührte
ihn an und sprach zu ihm: Ich wills tun; sei rein! Und sogleich wich der
Aussatz von ihm, und er wurde rein. Und Jesus drohte ihm und trieb ihn alsbald
von sich und sprach zu ihm: Sieh zu, dass du niemanden etwas sagst; sondern geh
hin und zeig dich den Priestern und opfere für deine Reinigung, was Moses
geboten hat, ihnen zum Zeugnis. Er aber ging fort und fing an, viel davon zu
reden und die Geschichte bekannt zu machen, so dass Jesus hinfort nicht mehr
öffentlich in die Stadt gehen konnte; sondern er war draußen an einem einsamen
Ort; doch sie kamen zu ihm von allen Enden.
Jesus heilt einen Aussätzigen. Damit wir diese
wunderbare Tat Jesu überhaupt erfassen können, werde ich zuerst erklären, was
Aussätzig-sein damals und heute bedeutet.
Zur Zeit Jesu entschieden die Priester darüber, wer
aussätzig wäre und wer nicht. Sie gingen nach den alten Reinheitsvorschriften
des Alten Testamentes vor. Alles was dort als unrein galt, wurde aus Tempel und
Gottesdienst verbannt. All die betroffenen Menschen mussten die Nahe zu anderen
meiden, besonders die, deren Unreinheit als ansteckend galt. Sie mussten
Wohnorte und Straßen meiden. Allein, ohne andere Menschen, vegetierten sie vor
sich hin, bis sie starben. Sie lebten auch in Gruppen, dann konnte es
untereinander zu Rangstreitigkeiten kommen, der eine konnte laufen, der andere
nicht. Diese Isolation, der Aussätzigen, war nötig, um die Gesundheit der
Bevölkerung zu gewährleisten, da medizinische Versorgung noch sehr schwach war.
Aussatz in der damaligen Form finden wir heute nicht mehr,
dazu ist unsere Medizin zu weit fortgeschritten. Aber trotzdem gibt es immer
noch ausgesetzte Menschen.
Wir leben in einer Welt, in der alles auf Funktion und
Perfektion ausgerichtet ist. Auch der Mensch hat perfekt zu funktionieren. Der
Mensch, der dies leisten kann, ist jung, dynamisch, sportlich, alleinstehend
und hat eine gute Durchschnittsbildung. Alles, was diesem Typ nicht entspricht,
ist unvollkommen. Dabei wird übersehen, dass es sich um ein abstrakt
entwickelten Menschen handelt, den es in Wirklichkeit gar nicht gibt. Jeden Tag
spüren wir unsere Grenzen, wir werden älter, ab und zu werden wir krank,
vielleicht behindert uns unsere Familie in unserer freien Entfaltung, oder die
Angst und Unsicherheit vor uns selbst läßt uns nicht vorwärts kommen.
Normalerweise gelingt es uns, diese Unvollkommenheit zu verbergen. Wir tun
einfach so, als ob wir perfekt wären. Wir kaschieren unsere kleine Fehler, so
dass niemand mehr, auch wir selbst, sie mehr bemerkt. Jetzt können wir bis zum
Umfallen arbeiten lächeln dabei auch noch.
Aber dann sind da Menschen, die ihre Begrenztheiten und
ihr Unvollkommensein nicht verbergen können. Sie fallen einfach aus dem Rahmen.
Sie können nicht laufen oder nicht sehen. Sie sind geistig behindert, zu groß
oder zu klein, oder sie haben kurze Arme. All diese Menschen bewegen sich unter
uns und wollen dazugehören. Wenn ich so etwas sehe, werde ich auf meine eigen Begrenztheit
und Behinderung hingewiesen. Das stört; es klappt nicht mehr: ich kann meine
eigenen Fehler nicht mehr kaschieren. Also drehe ich mich um, und gehe fort.
Wenn aber so ein Aussätziger in meiner Umgebung
auftaucht, und ich den Kontakt mit ihm nicht mehr vermeiden kann, was dann?
Ich behandele ihn am besten von oben herab. Ich lasse mich von ihm nicht
anfechten und das funktioniert am besten, wenn ich helfe, wo es nur geht. Ich
nehme ihm alles ab, ich mache ihn unmündig und abhängig von mir, nach dem
Motto: Diesem armen Kerl muss man doch helfen. Ich bin bereit mitzuleiden,
solange ich eine Stufe über ihm stehen bleiben kann. Selbst ich kann dabei
meine nun wirklich sichtbare Behinderung übersehen, wenn ich einem schwerer
Betroffenen zur Hilfe eile.
Aber letztlich stehe ich auf beiden Seiten, ich helfe und
mir wird geholfen. Hier liegt das Problem und auch die Lösung. Ich habe eine
sichtbare Behinderung und will sie auch nicht kaschieren. Ich setzte aus und
bin ausgesetzt. Das Helfen und Aussetzen ist für alle unsichtbar oder
weniger begrenzt behinderten Menschen eher nachvollziehbar. Aber wie sieht es
mit der anderen Seite aus?
Ich erzähle aus der Sicht der Behinderten, die den Blicken
anderer ausgesetzt sind, wie es ihnen im Alltag ergeht. Dazu ziehe ich ein
eigenes Erlebnis heran.
In der Münchner U-Bahn tummeln sich viele Menschen. Manche
haben es eilig, sie müssen viel besorgen, andere sind nur gekommen, um sich die
schöne Stadt und die bunten Geschäfte anzusehen. Die Blicke wandern hierhin und
dort hin. Plötzlich bleiben sie hängen, so etwas haben sie bisher noch nicht
gesehen: Die hat ja kurze Arme! Es folgt mir ein wohlbekannter Mitleidsblick
oder ein großer vor Staunen offen stehender Mund. Aber nicht nur ich bin diesen
Blicken ausgesetzt, auch ein alter Mann mit Krücke, ein Penner, oder eine
Gruppe geistig Behinderter. Jeder von uns ist dann plötzlich nicht mehr als
Mensch da, sondern wir bestehen in diesem Moment nur noch aus unserem
Anderssein. Beinahe komme ich mir als Touristenattraktion vor.
Das ist ja eigentlich auch alles normal, die Augen eines
jeden bleiben dort hängen, wo etwas neu oder anders ist. Mir geht es da ganz
genauso. Daran ist nichts auszusetzen.
Aber die Reaktion darauf, das Mitleid, oder die plötzliche
Hilfe, die gar nicht nötig wäre... hier wird mir eine Tür aufgehalten, dort
will mir unbedingt jemand meine Einkauf einpacken, ohne zu fragen, ob ich das
möchte oder brauche. Manchmal nehme ich auch dann Hilfe an, wenn ich sie gar
nicht brauche, dann denke ich mir dabei: Wozu diskutieren und Aufstand machen,
lass ihn doch sein gutes Werk tun, er fühlt sich hinterher befriedigt.
Aber ich bin es nicht!
Bei diesem täglichem Theaterspielen habe ich häufig das
Gefühl, gar kein Mensch mehr zu sein, sondern nur dazu zu dienen, dass der
andere sich seiner besseren Stellung bewusst werden kann. Ich bestehe dann nur
noch aus meiner Behinderung. Ich bin nur Hilfe für sein verletztes
Selbstbewußtsein. Vielleicht ist die Hilfe des anderen gar nicht so gemeint,
aber woher weiß ich das? Er fragt ja nicht, ob ich Hilfe möchte, oder spricht
mit mir darüber, warum er helfen möchte. Er tut es einfach.
Beide Reaktionen, das Helfen, das falsche Sich-Einfühlen
und das falsche Mitleid, klingen hier ein bisschen überspitzt. Ich habe diese
Gedanken isoliert und aus meiner einseitigen Position beschrieben. Ich meine,
sie laufen unbewußt in jedem von uns ab, so dass wir sie meistens nur als
undeutliches aber bedrückendes Gefühl bemerken. Der Kontakt zum anderen ist
gestört durch diese Vorurteile. Auch der Aussätzige in unserer Geschichte hatte
keine Chance zu anderen zu gehen. Sobald man ihn sah, wusste man, wer er ist.
Ihm blieb nur noch sich zurückzuziehen und zu warten auf Hilfe zum Überleben
oder den Tod.
Im Kontakt zwischen Menschen kann und soll es aber um mehr
gehen, als um oberflächliches Abschätzen und Einordnen des anderen. Und hierbei
hilft mir die Reaktion Jesu auf den Aussätzigen. Dort heißt es : Und es
jammerte ihn..., oder in einer anderen Überlieferung: Jesu wurde zornig.. .
Und es jammerte ihn..., das klingt sehr nach Mitleid,
nach dem oben beschriebenen Auf-andere-Herabsehen. So gesehen wäre Jesu das
erste falsche Vorbild im Umgang mit Aussätzigen.
Die andere Überlieferung, Jesus wurde zornig..., trifft
Jesus wahrscheinlichen Beweggrund für seine Hilfe viel eher. Er wurde zornig,
weil er sah, was die Mitmenschen aus dem Aussätzigen gemacht hatten. Er lag
auf den Knien und konnte seine Bitte nicht direkt und klar hervorbringen. Sie
hatten seine Menschenwürde gebrochen. Auf den Knien liegend, überlässt er die
Entscheidung Jesus: "Willst du, so kannst du mich reinigen. Er zweifelt
nicht daran, dass Jesus es kann, aber daran, ob Jesus es überhaupt bei ihm
will. Anders der Hauptmann von Kapernaum, der zu Jesus tritt und direkt sagt:
Jesus, du kannst helfen! Aber der Aussätzige versucht, auf sich aufmerksam zu
machen, ohne dass er auffällt.
Die Reaktion Jesu ist anders, als alle Umstehenden
erwarten. Weil Jesus den Aussätzigen liebt, ist er zornig. Er sieht, in welcher
Lage der Aussätzige gebracht worden war, und wie er sie ausnutzt. Jesus nimmt
ihn an, ohne sich seiner mitleidig anzunehmen. Er richtet ihn auf, er heilt
ihn. Er sieht ihn als einen Menschen, der Aussatz hat und darunter leidet, und
nicht als den Aussätzigen.
Ein Mensch, der auf Grund seines Äußeren ausgesetzt ist.
Jesus nimmt den Menschen an, er sieht ins Herz und nicht das Äußere. Weil der
Aussätzige nicht zu sich stehen kann, tut es Jesus. Er gibt ihm neues Leben.
Der Mensch, der Aussatz hatte, hat keinen mehr. Er kann wieder aufrecht unter
Menschen sein. Er würde bei allen Reinheitsvorschriften als rein gelten. Er ist
nicht mehr ausgesetzt.
Jesus nimmt ihn an, er hilft ihm, er gibt ihm neues Leben,
so dass er auch von anderen angenommen werden kann. Diese Integration ist für
mich das entscheidende Wunder und nicht die Heilung vom Aussatz. Das
eigentliche Wunder ist die allumfassende Liebe Jesu, eine Liebe, die das Herz
und die Seele des anderen sieht und sich bei Äußerlichkeiten aufhält. Diese
Liebe spürt der Aussätzige und dies ermöglicht ihm, Jesus seine Bitte um
Reinigung vorzutragen.
Dieses Wunder, das innere und zugleich soziale Wunder der
Annahme geschieht auch heute noch genauso. . Wer von uns kann schon wirklich
rundherum Ja zu sich sagen? Irgendetwas an uns stört uns immer. Hier erleben
wir jedoch, dass Jesus uns alle, die irgendwie ausgesetzt sind, trotz unserer
Schwächen und Grenzen annimmt. Er sieht unseren Wunsch nicht ausgesetzt,
sondern dabei zu sein, akzeptiert und geliebt zu werden. Es geht nicht darum,
dass man wieder laufen kann, oder plötzlich lange Arme hat, sondern zu wissen,
da ist jemand, der uns liebt wie wir sind. Und dass Jesus uns diese Liebe
entgegenbringt ist das wunderbare.
Doch wie erfahren wir diese Liebe?
Auf der einen Seite können wir Jesus Liebe direkt in einem
Gottesdienst, auf einem ruhigen Spaziergang oder in einer stillen Kammer
spüren. Auf der anderen Seite liebt Jesus uns auch durch andere Menschen. Wie
schön ist das doch, einen Menschen zu kennen, der sagt, wie gern er uns hat, uns
anerkennt nicht für unser Schaffen, sondern für unser Dasein. Und zwar als
immer unvollkommener, begrenzter, so oder so aussätziger Mensch angenommen zu
sein. Das bedeutet, als Mensch an sich dazusein. So angenommen, kann ich auch
mit meinen Fehlern leben, ohne dass sie mich einengen. Ich kann mit anderen
zusammen sein, ohne meine Arme zu verstecken, oder mich dafür entschuldigen zu
müssen.
Aber ist das nicht alles eine Illusion? Wie häufig findet
man schon einen Menschen, der einen so annimmt? Es stimmt schon, dass Jesus uns
durch andere Menschen liebt, doch das ist nicht alles. Und das ist auch nicht
immer der Fall. Wir sollen nicht dasitzen und auf die Liebe der anderen warten.
Die Gewißheit, dass Jesus uns hilft, wie er dem Aussätzigen in unserer
Geschichte geholfen hat, gibt uns Kraft uns selbst zu lieben. Wenn wir uns mit
unseren Fehlern annehmen, können uns auch andere leichter annehmen. Und wir
können auch leichter auf andere zugehen, ohne dass wir uns besser machen müssen
als sie es zu sein scheinen.
So wird es uns möglich, zum anderen zu gehen, mit seinen
sichtbaren Begrenztheiten, und ihn anzusprechen. So können wir im Gespräch
sehen, ob und wie wir uns gegenseitig helfen können, eben als gleichberechtigte
Menschen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft,
bewahre Eure Herzen und Sinne in Jesus Christus.