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Konvent von behinderten SeelsorgerInnen und BehindertenseelsorgerInnen e.V.


Pastorin Vera Maaß und Pastor Wolfgang Döring

Der Stachel im Fleisch

Dialogpredigt von Wolfgang Döring und Vera Maaß

Wolfgang Döring ist Pastor in Bielefeld und Rollstuhlfahrer mit Assistenzbedarf rund um die Uhr. Vera Maaß ist gehbehindert und Gehörlosenseelsorgerin in Bielefeld.

W. Döring: Der Friede Gottes sei mit uns allen. Amen.
Als Predigttext hören wir die Verse 5b bis 10 aus dem 12. Kapitel des zweiten Briefes des Paulus an die Korinther:

Lektorin: Von mir selbst aber will ich nichts rühmen, nur meine Schwachheit. Doch wenn ich mich rühmen wollte, täte ich darum nicht töricht; denn ich würde die Wahrheit sagen. Ich enthalte mich aber dessen, auf dass mich nicht jemand höher achte als er an mir sieht oder von mir hört. Und auf dass ich mich nicht der hohen Offenbarungen überhebe, ist mir gegeben ein Pfahl ins Fleisch, nämlich des Satans Engel, der mich mit Fäusten schlage, auf dass ich mich nicht überhebe. Dafür ich dreimal zum Herrn gefleht habe, dass er von mir wiche. Und er hat zu mir gesagt: Laß dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, auf dass die Kraft Christi bei mir wohne. Darum bin ich guten Mutes in Schwachheit, in Misshandlungen, in Nöten, in Verfolgungen, in Ängsten, um Christi willen; denn wenn ich schwach bin, so bin ich stark.

W. Döring: Liebe Schwestern und Brüder,

V. Maaß: Ein Stachel ist mir ins Fleisch gegeben worden ...
Oft weiß ich nicht, wie mir geschieht, finde mich am Boden liegend wieder. Leute stehen um mich herum und starren mich an. Mein Leben lang muß ich Medikamente nehmen und lebe doch ständig in der Angst vor einem Anfall.
Einmal frei leben können, frei von Furcht; einmal keine Angst vor Anfällen mehr haben und keine Medikamente mehr nehmen müssen; einmal nicht von den anderen gemieden werden ...

W. Döring: Liebe Schwestern und Brüder,
wenn Sie in der Bibel die Briefe des Apostels Paulus lesen und Ihr Sie lest, ist Ihnen und Euch dann bewusst, dass Paulus eine Behinderung oder Krankheit hatte ? Er selbst schreibt dazu im zweiten Brief an die Korinther:
"Auf dass ich mich nicht der hohen Offenbarungen überhebe, ist mir gegeben ein Pfahl ins Fleisch."
Mir persönlich liegt es ferne, Behinderung oder Krankheit als Instrument Gottes zur Demütigung zu betrachten. Interessant ist für mich die Tatsache, dass Paulus eine schwerwiegende Beeinträchtigung erwähnt. Was das für eine Beeinträchtigung war, vermag niemand zu sagen. Manche sprechen heute von einer Epilepsie ...

Pastor Wolfgang Döring

V. Maaß: Ein Stachel ist mir ins Fleisch gegeben worden ...
Der weiße Stock ist mein Wegbegleiter, hilft mir, meine Wege zu gehen. Und doch bleibe ich angewiesen auf die sehenden Augen des Andern – Hände, die führen, das freundliche, verstehende Wort.
Einmal das Meer sehen im Sturm; einmal das Lachen meines Kindes sehen, das Gesicht der Frau, die ich liebe, bevor sie erwacht; einmal in seinen Augen lesen und mich wiederfinden ...

W. Döring: Wer die Briefe des Paulus liest, weiß, dass Paulus ein guter Theologe war und brilliant argumentieren konnte. Dennoch wurde Paulus in der Gemeinde in Korinth angefeindet – auch wegen seiner Behinderung oder Krankheit. Es gab Menschen, die ihm das Apostelamt absprachen.
Das ist etwas, was ich kenne. Es gibt Menschen, die mir das Pastor-Sein absprechen wollten – auch wegen meiner Behinderung. Ich passe eben nicht in das Bild, das viele Menschen sich von einem Vertreter oder einer Vertreterin der Kirche machen. Wahrscheinlich wirke ich mit meiner Bewegungsunruhe nicht pastoral genug ...

V. Maaß: Ein Stachel ist mir ins Fleisch gegeben worden ...
Meine Füße können nicht die Wege gehen, die ich gehen möchte, meine Hände nur sehr eingeschränkt die Welt begreifen. Ich bleibe angewiesen auf die Hände und Füße derer, die mir den Alltag bewältigen helfen, auf ihr Verständnis und ihre Geduld.
Einmal nicht bitten – um den Tee, den ich trinken, und das Brot, das ich essen möchte; einmal die krummen und engen Wege gehen, die Wellen spüren, die den Sand unter den Füßen wegziehen; einmal aufstehen und gehen – zugehen mit offenen Armen auf die Menschen, die mir nahe sind ...

W. Döring: Paulus schreibt auch, dass er mit seiner Behinderung oder Krankheit nicht gerade glücklich war. Dreimal habe er Gott angefleht, dass die Behinderung oder Krankheit von ihm genommen werde.
Liebe Schwestern und Brüder, auch das kenne ich. Oft frage ich mich, wie das wohl wäre, wenn Jesus mir heute begegnen und sagen würde:
"Steh auf, nimm deinen Rollstuhl und geh umher !"
Pastorin Vera Maaß Es ist, glaube ich, unmöglich, eine Behinderung, ganz und gar anzunehmen. Immer wieder stoße ich auf Grenzen, die nun einmal enger gezogen sind als die von Menschen ohne Behinderung. Ich könnte z. B. nicht auf eine Kanzel steigen und so im wahrsten Sinne des Wortes über die Köpfe der Gemeinde hinwegpredigen.
Ist meine Behinderung von Gott gewollt oder gar von Gott gegeben ? Nein, liebe Schwestern und Brüder, das kann und will ich nicht glauben ! Ich kann und will nicht an einen Gott glauben, der einigen Menschen mehr Leid zufügt als anderen ...

V. Maaß: Ein Stachel ist mir ins Fleisch gegeben worden ...
Ich höre sie nicht, die Menschen, die meinen Namen rufen, bleibe angewiesen auf ihr Gesicht – Lippen, die deutlich Worte formen, und Hände, die gebärden.
Einmal das Zwitschern der Vögel hören und Musik; einmal das Lachen meiner Kinder hören ...

W. Döring: Doch was mache ich nun, liebe Schwestern und Brüder ? Man helfe mir über den garstigen Graben, wie Kant sagte. Heißt das denn nun, dass Gott nichts mit mir zu tun haben will – ich kein Geschöpf Gottes bin ?
Nein, das kann ich noch weniger glauben. Und hier hilft mir die Zusage Gottes an Paulus weiter:
"Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig."
Für mich bedeutet das, dass Gott mit mir und meinen Grenzen etwas anfangen kann. Gott macht mich mit meiner Schwachheit zu einem vollwertigen Mitarbeiter in seinem Reich auf der Erde, das ja noch kommen wird, aber auch schon da ist ...

V. Maaß: Ein Stachel ist mir ins Fleisch gegeben worden.
Meine Füße stehen nicht auf sicherem Grund. Kaum sichtbare Ecken und Kanten bringen mich zu Fall. Ich bleibe angewiesen auf die Hände derer, die mir aufhelfen, Arme, die Geländer für mich sind.
Einmal mit meinem Sohn um die Wette laufen, ihn tragen, wenn er nicht mehr kann ...

W. Döring: Ja, Vera, ich habe deine Zwischenrufe gehört und möchte sie nun wahrnehmen. Immer wieder stoßen wir auf unsere Behinderungen – unsere Grenzen, die enger sind als die anderer.
Einmal nur, sagst du, einmal anders sein ... Das wäre mir zu wenig. Oft wünsche ich mir, ich könnte immer laufen und immer beide Hände gebrauchen, wäre gern für immer nicht so unruhig ...
Und dennoch geschieht ein Wunder nur insofern als wir beide – als alle Menschen mit ihren Schwachheiten und Grenzen in den Dienst Gottes berufen werden. Ob wir auf diesen Ruf antworten, das ist dann unsere Sache.

V. Maaß: Du, mir geht da ein Satz aus unserem Predigttext nicht aus dem Kopf. Gott sagte doch zu Paulus:
"Laß dir an meiner Gnade genügen ..."
Ich frage mich, was "Gnade" eigentlich in unserer Gesellschaft bedeutet – insbesondere für Menschen mit schwerwiegenden Behinderungen. Immer wieder spüren sie die eigenen Grenzen. Oftmals sind sie der Lächerlichkeit preisgegeben, erfahren Verständnislosigkeit und Verachtung, müssen dankbar sein für alltäglich Selbstverständliches ...
Gnade – was heißt das? Niemand kann leben von dem gnädigen Lächeln des Andern, der ihn oder sie geringschätzt ...
Gnade – was heißt das? Abgeschoben an den Rand der Gesellschaft, dorthin, wo sie nicht stören – nicht Stachel sind für die Andern, die nicht aushalten können, dass unverletztes Leben nicht möglich ist ...
Gnade – was heißt das? dass Menschen mit Behinderung oftmals ein Eckenleben führen dürfen, dort, wo sie scheinbar nicht so viel kosten, den täglichen Ablauf nicht stören, pflegeleicht sind ?

W. Döring: Das ist unsere menschliche Gnade – eine unbarmherzige Gnade, die nichts, aber auch gar nichts mit der Gnade zu tun hat, von der Gott spricht. Vielleicht müssen wir aufhören, in bezug auf Gott von Gnade zu sprechen. Gnade hat für mich immer etwas mit oben und unten zu tun, nichts mit wirklicher Liebe. Gnädig ist immer der, der oben ist.
Nein, so ist Gott nicht. Gott ist nicht oben, sondern in uns und um uns herum – in unserer Welt auf einer Ebene mit uns. Ich weiß, Gott liebt uns so sehr, dass er in Jesus von Nazareth in unsere Welt gekommen ist. Ja, ich möchte sogar von einer Solidarität Gottes im Leiden sprechen. Gott weiß, was menschliches Leiden ist. Diese Solidarität Gottes im Leiden hat für mich nichts mit Gnade zu tun, wie wir sie verstehen, sondern mit Liebe – mit Liebe auf der gleichen Ebene. Das, was wir die Gnade Gottes nennen, ist also in Wirklichkeit eine unbeschreiblich große Liebe.

V. Maaß: Ja, ich glaube, eine so verstandene Gnade kann ich durchaus annehmen. Wer wirklich liebt, ist nicht einfach gnädig, sondern nimmt den Anderen oder die Andere bedingungslos an.
Gott kennt unsere Grenzen, weiß um unsere Schwachheiten, die uns oft das Leben schwermachen. Ich glaube, dass Gott uns mit unseren Grenzen liebt, uns so annimmt, wie wir sind – mit unseren Behinderungen und Einschränkungen. Und ich glaube, das gilt für alle Menschen – für Menschen mit und ohne Behinderungen, für junge und alte, für kranke und gesunde Menschen. Gott liebt alle Menschen bedingungslos – liebt sie mit ihren Schwächen.

W. Döring: Liebe Schwestern und Brüder, wir wünschen Ihnen und Euch, dass Sie etwas spüren und Ihr etwas spürt von der Liebe Gottes, der unsere Schwächen aushalten kann und uns mit unseren Stärken beruft. Wir möchten Ihnen und Euch Mut machen, sich auf die Zusage Gottes zu verlassen: "Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig." Amen.

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